Gute Nacht, Elisabeth oder mein Weg der Versöhnung mit meiner Mutter

Im Mai 2014 habe ich meiner Mutter einen Brief geschrieben. Einen Brief, den ich ihr nie gegeben habe. Denn der Brief war für mich. Er gehörte mit zum Prozess, meine belastende Kindheit zu verarbeiten. Mich mit meiner psychisch kranken Mutter zu versöhnen. Das zumindest habe ich damals geglaubt.

Ich befand mich zwar auf dem Weg, war jedoch noch lange nicht am Ziel. War noch meilenweit davon entfernt und werde vielleicht gar nie ganz ankommen.

Im zweituntersten Absatz hatte ich folgendes geschrieben:

„Ich finde, es ist endlich an der Zeit, Dir zu sagen, dass ich nicht mehr enttäuscht und wütend bin. Ich habe aufgehört zu grübeln, warum und wie und überhaupt. Es ist einfach so, wie’s ist. Und es ist gut so!“

Doch das stimmt so nicht. Wenn ich an meine Mutter denke, dann bin ich auch heute noch traurig, manchmal sogar noch wütend und ab und zu enttäuscht. Ich empfinde diese Gefühle jedoch nicht als belastend es geschieht auch nicht mehr so oft.

Es sind Gefühle, die vor allem dann aufkommen, wenn ich beispielsweise jemanden Erwachsenen sehe, der mit seiner Mutter eine liebevolle und vertraute Beziehung pflegt. Oder wenn jemand seiner Mutter „Danke schön“ sagt. Oder „du warst immer für mich da, Mama“. Ich kann das leider nicht sagen. Denn meine Mutter hat mich sowohl als Kind und als auch als Erwachsene emotional im Stich gelassen. Was meine Mutter für mich gefühlt hat und für mich fühlt, weiss ich nicht und werde es vermutlich auch nie erfahren. Doch eines weiss ich mit Bestimmtheit. Ich war nie an erster Stelle. An erster Stelle waren bei meiner Mutter immer ihre psychische Krankheit, ihr Schicksal, ihr Leiden, der Alkohol und die vielen Tabletten.

Es ist so eine Sache mit der Vernunft respektive dem Verstand. Schon als kleines Mädchen habe ich rationell verstanden, warum meine Mutter nicht für mich da sein konnte, mir keine Liebe schenken konnte und trotzdem hat mein Herz darunter sehr gelitten (Vom Leben und Leiden meiner Mutter). Wenn ich gekocht, geputzt und aufgeräumt habe, dann war ich die beste Tochter der Welt. Die noch bessere Tochter war ich, wenn ich ihr (heimlich, heisst gegen den Willen meines Vaters) Rotwein gekauft habe, weil sie wegen ihrer Depressionen das Bett nicht verlassen konnte. Ich gebe es ungerne zu, aber ich habe diese kurzen Momente der Wertschätzung ungemein genossen. In solchen Momenten hatte ich das Gefühl, dass sie mich wahrnimmt und sogar ein kleines bisschen liebt. Und ich habe dieses Gefühl in mich aufgesogen. Wie eine Pflanze, die am Verdursten ist. Obwohl ich genau wusste, dass es falsch war, ihr die Flasche Rotwein gekauft zu haben. Soviel zur Co-Abhängigkeit. Dazu jedoch ein anderes Mal mehr.

Ich konnte meine Mutter und ihr Handeln zwar verstehen und trotzdem konnte ich es auf der Gefühlsebene nicht begreifen. Und genau an diesem Punkt fängt der Prozess der Versöhnung an.

Um mich mit meiner Mutter zu versöhnen, muss ich meiner Mutter nicht verzeihen. Die Schläge im Alkoholrausch. Dass sie mir die Schuld an ihrem Elend in die Schuhe hat schieben wollen. Dass sie nicht für mich da war, als ich sie gebraucht hätte. Dass ich mich nicht geliebt fühlte. Dass sie sich nicht für mich interessiert hat, weder in der Vergangenheit noch heute. Das alles hat Spuren hinterlassen.

In meiner Ausbildung zur Partner-, Paar- und Familienberaterin IKP habe ich gelernt, durch die Symptome auf jene Disharmonien der am Lebensprozess beteiligten Verbundsysteme (Zeit, Raum, Psyche, Körper, Spiritualität und Soziales) zu schauen und diese wahrzunehmen.

Regressionsarbeit (zurück zum damaligen Schmerz) und die Arbeit mit dem „inneren Kind“ gaben mir die Möglichkeit, mich nochmals intensiv mit dem Erlebten zu befassen. Ich musste, nicht nur mit dem Verstand, sondern in erster Linie emotional begreifen, dass ich auf das Verhalten meiner Mutter (und auch meines Vaters) keinerlei Einfluss hatte und es auch nicht haben werde.

In Familienaufstellungen gewisser belastender Situationen aus meiner Kindheit konnte ich die Trauer, die Verzweiflung, die Wut und die Enttäuschungen auch körperlich nochmals nach empfinden. Es war mir dadurch möglich, mein Körpergedächtnis neu zu programmieren, gewisse Situationen anders und somit besser zu erleben.

Es war ein schwerer und intensiver Prozess. Voller Tränen, Schmerz und Leid. Doch es hat mir dabei geholfen, die innere und äussere Realität ganzheitlich wahrzunehmen und sie, so gut es geht, in Einklang zu bringen.

Im Versöhnungsprozess geht es darum, wie sich im Hier und Jetzt etwas zeigt und wie es JETZT anders erlebt werden kann.

Wie gesagt, es ist nicht so, dass ich keine negativen Gefühle habe, wenn ich an meine Mutter denke. Aber die Gefühle haben sich verändert. So verändert, dass ich heute gut damit klarkomme. Ich falle nicht mehr in ein tiefes Loch, wenn ich meine Gefühle zulasse. Sowohl die guten als auch die schlechten. Sie sind einfach ein Teil von mir. Etwas, das ich nicht mehr bekämpfe und mit aller Macht zu verdrängen versuche.

Oder wie eine Bekannte von mir einmal so treffend gesagt hat: „Es sind Narben, die sichtbar sind, aber nicht mehr weh tun.“

Für meine Mutter, die seit gut drei Wochen im Spital liegt und der ich von ganzem Herzen wünsche, dass ihr Leiden bald ein Ende hat. Immer wenn ich dieses Lied von „Patent Ochsner“ höre, kann ich nicht anders, als zu weinen. Das wird wohl so bleiben. Für immer.

Guet Nacht, Elisabeth

Das isch die chauti Sophie
Wo da vorder Türe steit
wär weiss ob die je wider geit
leg di warm ah

U das hie isch di grossi chischte
wo mir hei umetreit
viu z schwär für eine allei
sogar viu z scwhär für di

U das hie isch dr sack mite souvenier
u das hie isch dr sack mite schwarzwissfoto
die meischte si unscharf

Oooh guet nacht elisabeth
la mi los
la mi ga u la mi zieh u lami furt vo hie
oooh guet nacht elisabeth
schlaf oh tröim süess
es chunt e neue morge unes häuers liecht
eis für di u eis für mi
u lanis ner vergesse was isch gsi

U das hie si di dicke muure
i hase ganz alleini bout
weiss gar nüm wie u wisoo
di si plötzlech eifach da gsi

Di aute platte di aute lieder
di aute gschichte di aute büecher
di aute biuder di aute farbe
di aute kämpf u di aute narbe

Elisabeth dä sack mite souvenier
isch so viu zgross u z schwär für mi
i lane da la stah
i lahne da i lahne da weni gaah

Oooh guet nacht elisabeth
la mi los
la mi ga u la mi zieh u lami furt vo hie
oooh guet nacht elisabeth
schlaf oh tröim süess
es chunt e neue morge unes häuers liecht
eis für di u eis für mi
u lanis ner vergesse was isch gsi

Oooh guet nacht elisabeth
la mi los
la mi ga u la mi zieh u lami furt vo hie
oooh guet nacht elisabeth
schlaf oh tröim süess
es chunt e neue morge unes häuers liecht
eis für di u eis für mi
u lanis ner vergesse was isch gsi

Das isch die chauti Sophie
Wo da vorder Türe steit
wär weiss ob die je wider geit
leg di warm ah

 

Quelle: Songtexte.com

 

 

 

 

 

 

 

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

8 Kommentare zu „Gute Nacht, Elisabeth oder mein Weg der Versöhnung mit meiner Mutter

  1. Diesen Brief habe ich auch geschrieben. Ich kenne den Weg, der dahin führt. Aber ich konnte meinen noch abschicken. Und habe es auch. Dieses Abschliessen ist wichtig. Danke für das Teilen dieser Erfahrung.

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  2. Der Brief war an meine Mutter gerichtet, aber es war für mich, für meine Verarbeitung der Dinge. Meine Mutter ist nicht mehr in der Lage, zu lesen. Schön, dass du auch abschliessen konntest. Ein gutes und befreiendes Gefühl wie ich finde. Herzlich, Franziska

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