Meine Mutter, ich und die Frage der Schuld

Ich neige dazu, in allem Negativen, das mir im Leben widerfahren ist oder noch widerfahren wird, das Gute zu suchen. Oder, falls dies einmal nicht gelingt, zumindest nach dem Sinn dahinter. Ob man’s glaubt oder nicht – eines von Beidem hat bislang immer funktioniert.

Dieses Umdeuten ist eine hilfreiche Technik, um den Blick auf ein Ereignis in eine andere positivere Perspektive zu rücken. Diese Technik ist auch als Refraiming (Umdeutung) bekannt, die ihren Ursprung aus der Systematischen Therapie hat und von der am 10. September 1988 verstorbenen Virginia Satir, eine der bedeutendsten Familientherapeutinnen, eingeführt wurde.

Zum Beispiel meine psychisch kranken Eltern: Meine Kindheit war keine einfach Zeit in meinem Leben. Die psychische Krankheit meiner Eltern und die damit verbundenen Umstände haben mich stark belastet und geprägt. Auch heute als Erwachsene habe ich immer mal wieder mit den Schatten der Vergangenheit zu kämpfen. Das wird wohl auch so bleiben. Früher waren diese Schatten eine Belastung, die mit viel Schmerz und Kummer verbunden waren, wenn sie in mein Bewusstsein vorgerückt sind. Heute ist mein Umgang damit ein anderer.

Doch auch hier gibt es durchaus einige Dinge, die positiv sind: Dass ich einen grossen Teil meiner Kindheit bei einer Pflegefamilie aufgewachsen bin, hat mir beispielsweise die Begegnung mit drei wunderbare Menschen geschenkt – meinen drei Pflegeschwestern. Ohne diese wäre ich nämlich ein Einzelkind, ohne Geschwister.

Diesbezüglich habe ich sogar „den Fünfer und das Weggli“, wenn ich mir das so Recht überlege:

Ich habe drei Schwestern, die ich über alles liebe, mit denen ich mich aber wegen familiärer Angelegenheiten niemals werde auseinandersetzen müssen. Sie sind seit vielen, vielen Jahren ein stark verankerter Bestandteil meines Lebens, und ich möchte sie unter keinen Umständen missen.

Oder der Tod meines Vaters: Die ersten drei Monate waren eine intensive Zeit der Trauer. Sein Verlust hat mich stark mitgenommen. Auch wenn ich die Endgültigkeit des Verlusts akzeptiert habe, hinken meine Gefühle dieser Tatsache immer noch ein Stück hinterher. Bald jährt sich sein Todestag. Eine weitere Hürde im Verarbeiten des Todes eines geliebten Menschen.

So, wie ich glaube, dass hinter allem ein tieferer Sinn steckt, glaube ich, dass ich ihn auch diesbezüglich gefunden habe. Seit mein Vater gestorben ist, habe ich wieder eine bessere Beziehung zu meiner Mutter. Damit ist nicht gemeint, dass wir gemeinsam Händchen haltend Kaffee trinken und über vergangene Zeiten plaudern. Das liesse der gesundheitliche Zustand meiner Mutter nicht zu – weder psychisch, noch physisch. Zudem ist sie ausschliesslich mit sich selbst und ihren Zwängen und Neurosen beschäftigt. Das war immer schon so und wird mit fortschreitendem Alter nicht besser.

Vor dem Tod meines Vaters hatte ich arge Zweifel, ob ich mich um meine Mutter kümmern werde. Ob ich sie überhaupt je im Pflegeheim besuchen werde. Alles in mir sagte „Nein“. Wer die gemeinsame Geschichte von meiner Mutter und mir kennt, hätte es vermutlich verstanden, und ich kann mir nicht vorstellen, dass es mir jemand verübelt hätte.

Und doch besuche ich sie heute regelmässig. Nicht mit einem super tollen Gefühl, das wäre gelogen, aber mit einem Gefühl, das ich in der Zwischenzeit als okay beschreiben würde.

Für Mutterliebe gibt’s keine Garantie

Ich habe sogar erkannt, dass ich meine Mutter liebe. Unabhängig davon was war, und ohne zu erwarten, dass ich Liebe zurückbekomme. Dabei will ich meiner Mutter ihre Liebe zu mir nicht einmal absprechen. Vielleicht und sogar wahrscheinlich hat sich mich geliebt, aber eben auf die Art und Weise, die ihr mit ihrer Geschichte und ihren lebenslangen Folgen möglich war.

Mutterliebe ist ein wunderbares Geschenk , aber es gibt leider keine Garantie dafür. Denn jede Mutter ist in erster Linie ein Mensch. Ein Mensch mit Gefühlen. Ein Mensch mit Fehlern. Ein Mensch mit einer Geschichte. Ein Mensch mit einem eigenen Leben. Ein Mensch mit einem Schicksal.

Die Frau, die Schuld ist…

Im Gegensatz zu mir hat sich meine Mutter mit ihrer Mutter nie versöhnt. Weder vor, noch nach deren Tod, den ich nur am Rande mitbekommen habe, weil ich meine Grossmutter mütterlicherseits nie kennengelernt habe. Meine Mutter hat den Kontakt mit „dieser Frau, die Schuld daran ist, dass es ihr so schlecht geht“ vor langer, langer Zeit abgebrochen.

Nüchtern betrachtet, hat meine Mutter mit dieser Aussage Recht. Das Problem bei dieser Betrachtungsweise ist jedoch, dass sich ohne aktives Mitwirken keine Möglichkeit zu einer positiven Veränderung ergibt. Schuldzuweisungen bringen einem leider keinen Deut weiter, allenfalls verschaffen sie kurzfristig ein bisschen Trost und Linderung. Langfristig vergiften sie jedoch die Gedanken.

Die Eltern haben in der Regel einen starken Einfluss auf die Prägung eines Kindes. Wichtig ist, zu erkennen, dass dies einerseits eine unwiderlegbare Tatsache ist, wir Menschen aber andererseits die Wahl haben, unser Leben selbstverantwortlich in die eigenen Hände zu nehmen und die Schuld für die eigenen Probleme nicht bei jemand anderem zu suchen. Egal, wie sehr wir uns auch anstrengen, auf das Verhalten der Anderen haben wir, wenn überhaupt, nur bedingt Einfluss.

Und in Bezug auf mein weiteres Leben möchte ich den Fehler tunlichst unterlassen, mit unverarbeiteten und negativen Gefühlen alt zu werden. Und mit Schuldzuweisungen. Alt und verbittert – denn ich glaube, dass diese Komponenten unweigerlich zusammenhängen. Dafür ist das Leben viel zu kostbar. Bildlich gesprochen: Eine Umarmung ist tausend Mal schöner, als geschlagen zu werden.

Dies sind nicht einfach nur Erkenntnisse, die ich mir im Laufe meines Lebens mit dem Verstand erworben habe. Die letzten vier Jahre habe ich intensiv und teilweise hart an mir gearbeitet. Einerseits in der Lehrtherapie während meiner dreijährigen Ausbildung zur Partner-, Paar- und Familienberaterin, andererseits gönne ich mir auch heute noch bei Bedarf zwei bis drei Coaching-Sitzungen im Jahr, weil ich weiss, dass es Themen gibt, bei denen ich alleine nicht weiterkomme. Nur so sind angestrebte Veränderungen und eine Besserung möglich. Es ist ein bisschen wie eine Umarmung, die ich mir selber schenke.

Mit dieser Erkenntnis gehe ich einen weiteren Schritt auf dem Weg der Versöhnung, denn Versöhnung schafft Raum für einen Neubeginn und ein friedvolles Miteinander. Mit seinen Mitmenschen und vor allem mit sich selbst.

Wie geht ihr mit diesem Thema um? Was sind eure Erfahrungen in Bezug auf Schuldzuweisung oder Versöhnung?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

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