Seid achtsam…

Als ich gestern Morgen beim Kiosk ein Pack Kaugummi kaufte, ist mir beim Verlassen des Kiosks bewusst geworden, dass ich eigentlich keinen blassen Schimmer habe, wie die Verkäuferin, die mich sehr freundlich bedient hatte, ausgesehen hat. Hatte sie blonde oder dunkelbraune Haare? Trug sie die Haare kurz und gerade oder waren die Haare lang und gelockt? Von der Augenfarbe will ich gar nicht erst anfangen. No idea. Nur bei einer Sache war ich mir ganz sicher, es war eine Frau. Und ich glaube, die Statur war leicht mollig. Naja, zumindest etwas, das in meinem Gedächtnis haften geblieben war…

Ich erledige oft ganz viele Dinge gleichzeitig, ohne bewusst darauf zu achten, was und wie ich etwas mache. Ich eile von A nach B und überlege mir dabei, was ich als nächstes noch dringend zu erledigen habe. Oder mit dem Telefon am Ohr gleichzeitig die Geschirrspülmaschine ausräumen. Und dann dem Briefboten, der soeben an der Haustüre geklingelt hat, noch schnell eine Unterschrift geben – eine Kleinigkeit.

Ich schreibe einen Blog, kurze Pause, dann verarzte ich einen meiner Söhne, dann schreibe ich weiter. Immer mit einem Ohr draussen auf dem Spielplatz. Ich trinke mit einer Nachbarin Kaffee und plane innerlich gleichzeitig den bevorstehenden Abend. Dann noch schnell den Geburtstagskuchen mit Schokoladenglasur überziehen und dekorieren und mit der anderen Hand eine Banane schälen. Ein Glas Wasser füllen. Testen, was die iPhone Funktion „Nicht stören: ein“ bedeutet.

Multitasking ist das Zauberwort. Segen oder Fluch? Es ist wohl beides. Wenn viel ansteht und dringend erledigt werden muss, dann ist diese Fähigkeit ein Segen. Doch manchmal kommt mir das Leben vor, wie wenn ich auf der Autobahn mit 120 Sachen einem Ziel entgegen fahre. Ich realisiere zwar, dass die vorbeiziehende Landschaft schön ist, doch ich sehe es nicht wirklich, nehme es nur am Rande meines Blickfelds wahr.

Deshalb habe ich mir vorgenommen, zu versuchen, etwas achtsamer zu sein. Doch was bedeutet das überhaupt? Achtsamkeit ist eine verstärkte Form von Aufmerksamkeit, ein bewusstes Wahrnehmen von einem gegenwärtigen Moment (im Hier und Jetzt). Achtsamkeit ist absichtsvoll, das heisst, ein Mensch entscheidet sich dazu, einen bestimmten Augenblick achtsam zu erleben. Achtsamkeit ist nicht wertend.

Achtsamkeit in Kombination mit Konzentration kann sehr erfüllend sein. Darum kommt Achtsamkeit bei uns in der westlichen Welt auch als eine Methode in der Psychotherapie zum Einsatz.

Jon Kabat-Zinn ist emeritierter Professor an der „University of Massachusetts Medical School“ in Worcester beschäftigt sich mit dem Thema Achtsamkeit. Er unterrichtet Achtsamkeitsmediation. Diese soll Menschen unterstützen, um besser mit Angst, Stress und Krankheiten umgehen zu können. In seinem Buch „Im Alltag Ruhe finden“ findet sich folgende Beschreibung von Achtsamkeit: „..so intensiv und befriedigend es auch sein mag, sich in der Konzentration zu üben, bleibt das Ergebnis doch unvollständig, wenn sie nicht durch die Übung der Achtsamkeit ergänzt und vertieft wird. Für sich allein ähnelt sie (die Konzentration) einem Sich-Zurückziehen aus der Welt. Ihre charakteristische Energie ist eher verschlossen als offen, eher versunken als zugänglich, eher tranceartig als hellwach. Was diesem Zustand fehlt, ist die Energie der Neugier, des Wissensdrangs, der Offenheit, der Aufgeschlossenheit, des Engagements für das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrung. Dies ist die Domäne der Achtsamkeitspraxis…“

Und was bedeutet das für mich? Wie so oft stehe ich heute beim Einkaufen natürlich in der Warteschlange, in der es überhaupt nicht vorwärts geht. Anstatt mich zu ärgern, habe ich versucht, den Moment ganz achtsam wahrzunehmen. Was sind meine Empfindungen gerade jetzt, wie stehe ich auf dem Boden, wie spüre ich meine Füsse, spüre ich meine Füsse überhaupt?

Ich bin ehrlich – es ist mir nicht sonderlich gut gelungen. Die Sonnenfinsternis hat mich abgelenkt, an der Kasse nebenan haben drei Typen laut gelacht und ich ertappte mich dabei, dass es mir nicht wirklich gelang, achtsam zu bleiben.

Und jetzt werde ich ganz achtsam einen Kuchen für meine allerliebste Tochter backen, die heute ihren elften Geburtstag feiert. Das Filet für heute Abend ist schon mariniert. Natürlich mit der mir grösst möglichen Achtsamkeit. Und falls es mit der Achtsamkeit nicht so recht klappen will, dann bin ich sicher, dass allerspätestens wenn alle Kinder im Bett am Schlafen sind, ich mir ganz achtsam ein feines Glas Rotwein gönne und diesen Moment der Ruhe und Stille bewusst in vollen Zügen geniessen werde.

Wenn ich achtsamer werden will, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als zu üben, zu üben und nochmals zu üben. Sonst wird das nichts und ich werde auch in Zukunft dreissig Sekunden nach Verlassen eines Kiosks keine Ahnung haben, wie die nette Verkäuferin eigentlich ausgesehen hat. Und das finde ich irgendwie echt schade.

Habt ein schönes Wochenende!

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

5 Kommentare zu „Seid achtsam…

  1. Multitasking. … manchmal echt nützlich. … manchmal verbirgt sich dahinter aber auch einfach nur Stress. …dann gilt es einen Gang runter zu schalten. Mir geht es auch oft an so, dass ich vor lauter Hektik gar nicht genau registriere, was oder wer um mich herum alles ist…. auf in ein achtsames Wochenende. Das wünsche ich dir und ich nehme es mir selbst auch vor. Dank deines schönen Beitrages 🙂 Liebe Grüße, Polly

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  2. Einer meiner Standardsätze seit Jahrzehnten lautet: geht achtsam mit Euch selbst und Euren Lieben um! Wobei das für mich keine Floskel ist, die nur so dahin gesagt wird, liebe Franziska 😀
    Ich wünsche Dir ein gelungenes Wochenende mit ganz viel „Achtsamkeits“-Übungen und lieben Grüßen von der ♥ Pauline ❤

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  3. Liebe Pauline, das ist in der Tat ein sehr schönes Lebensmotto. Es ist mir nicht in jedem Fall gelungen, dieses Wochenende achtsam zu sein. Ich habe jedoch gespürt, das es mir leichter fiel als auch schon. Wo ein Wille ist, ist auch immer ein Weg. Liebe Grüsse, Franziska

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