Am Lebensende: Brief an meine Mutter

Liebes Mami

Dies ist der zweite Brief, den ich dir in dieser besonderen Form schreibe. Es sind von mir verfasste Zeilen, die dich jedoch nicht erreichen werden, da ich sie weder abschicke, noch vorlesen werde. Sie sind mehr wie ein Tagebuch, das mir hilft, meine Gedanken zu sortieren und meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Es verringert den Druck und die Schwere, welche mich durch die letzten Tage begleitet haben.

Morgen in einer Woche hast du Geburtstag. Wenn ich die Zeichen richtig deute, glaube ich nicht, dass ich mein Vorhaben, dir endlich mal meinen legendären Schokoladen-Stängeli-Kuchen zu backen, in die Tat umsetzen kann.

Du liebst Schokolade, hast sie in den letzten Monaten regelrecht verschlungen. Jetzt liegen alle Tafeln, die ich dir während der letzten sechs Wochen mitgebracht habe unangetastet in deiner Nachttischschublade.

Du bist müde. Du bist still. Nicht mehr hektisch getrieben. Du suchst Ruhe und hast keine Kraft mehr. Für mich ist es sehr ungewohnt, dich so zu erleben. So unendlich müde von den Infektionen der letzten Wochen, die deinen Körper immer mehr geschwächt haben.

Kein Mensch weiss, wann er sterben wird, ausser er wählt den Tod bewusst und selbstbestimmt als Ausweg, wenn andere Optionen keinen Sinn mehr ergeben. Auch bei Papa hat der Prozess des Sterbens bis zum endgültigen Moment des Abschieds mehrere Monate gedauert. Papa war ein Kämpfer und du bist das auch. Es ist eine anstrengende Zeit – eine emotionale Achterbahn – Hoffen und Bangen geben sich abwechselnd die Klinke in die Hand.

Liebes Mami, du darfst gehen, wenn du dafür bereit bist, das habe ich dir gestern gesagt. Wenn es für dich Zeit ist, dann ist die Zeit auch für mich reif. Es ist nicht leicht, loszulassen. In den letzten Wochen habe ich mich im Geiste immer wieder von dir verabschiedet. Nicht bis zum nächsten Besuch, sondern ein Abschied für immer. Aber wie gesagt, du bist eine Kämpferin und ich bin keine Hellseherin.

Das Wesentliche für mich ist aber nicht der Zeitpunkt des Todes, sondern wie man sich voneinander verabschiedet. Wie du dich fühlst, das weiss ich nicht. Doch wie ich mich fühle, das weiss ich sehr wohl, und mir ist wichtig, dass meinerseits nichts mehr offen oder unausgesprochen ist.

Gestern habe ich dir zum ersten Mal nach vielen, vielen Jahren wieder einmal gesagt, dass ich dich sehr lieb habe. Ich habe deine bleiche Stirn geküsst und dir über den Kopf gestrichen. Du hast mich kurz angeschaut, bevor du wieder abgetaucht bist ins Land der Träume, ins Land des Abschieds? Ich bin mir sicher, du hast mich gehört und gespürt. Alles ist gut so, wie es jetzt ist und ich bin dankbar, dass ich dir das gestern persönlich sagen konnte. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich das sonst vielleicht eines Tages bereut hätte oder mir etwas Wesentliches gefehlt hätte.

Ich habe nicht die Kraft, 24 Stunden an deinem Bett zu sitzen und zu warten, bis der Moment des Abschieds seinen natürlichen Lauf nehmen wird. Vielleicht darf ich aber, wenn es soweit ist, deine Hand halten und dich in deinen letzten Stunden auf dieser Welt begleiten. Ich wünsche mir das, doch darauf habe ich keinen Einfluss. Du selbst und höhere Mächte bestimmen hier den Takt.

Hast du Angst, Mami? Ich könnte es verstehen. Niemand weiss, was nach dem Tod kommen wird. Doch ich glaube (und hoffe), dass in deinem Fall alles um ein Vielfaches besser sein wird. Tod ist nicht nur Schmerz und Angst und Loslassen – der Tod ist auch Erlösung. Erlösung von einem Leben, das von Krankheit, Leid und Kummer dominiert wurde. Tod ist das Ende und gleichzeitig ein Anfang. Ein Anfang von etwas Anderem, Grösserem und Bedeutungsvollerem. In diesem Glauben wurde ich erzogen und gerade in schweren Zeiten wie diesen, hat dieser Gedanke etwas sehr tröstliches.

Liebes Mami, egal, was war – es spielt keine Rolle mehr. Es ist nicht wie vor einem Jahr als ich an deinem Bett in der Psychiatrie sass und wir uns wie Fremde begegnet sind. Damals war ich verzweifelt, wie es mit dir (und mir) nach dem Tod von Papa weitergehen würde. Ich wusste nicht, in welche Richtung sich unsere Beziehung entwickeln würde.

Heute halte ich deine Hand und du meine, und ich spüre nur ein einziges Gefühl – Liebe. Wir sind keine Fremden, auch wenn es sich für mich in den letzten Jahren oft so angefühlt hat.

Du bist meine Mutter und ich bin deine Tochter. Wir sind miteinander verwurzelt, denn du hast mich vor langer Zeit neun Monate unter deinem Herzen getragen. Und ich möchte, dass du weisstt – ich trage dich in meinem.

Am Ende bleibt das, was wirklich zählt im Leben, nämlich die Liebe.

Als ich noch ein Kind war, hast du mir einmal erzählt, dass dir in der Nacht ein Engel erschienen sei. Obwohl ich nicht an solche Phänomene glaube, habe ich keine Sekunde an deinem leuchtenden Engel gezweifelt. Und wer weiss, liebes Mami, vielleicht siehst du ihn bald wieder – von Angesicht zu Angesicht.

In Liebe

Deine Tochter Franziska

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

5 Kommentare zu „Am Lebensende: Brief an meine Mutter

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