Date 4 oder warum du nie „die Eine“ bist

Eine Onlinedating-Tatsache, die ich niemals geglaubt hätte, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte: Man kann sich in eine Person verlieben, obwohl man sich im realen Leben noch nie über den Weg gelaufen ist. Klingt irgendwie schräg? Nicht ganz zu unrecht, wie ich gestehen muss.

Aber zurück zum Anfang. Nachdem der erste Lockdown vom letzten Jahr vorüber war und man wieder eine Bar oder Restaurants besuchen durfte. Mir ist etwas langweilig und ich denke, schau doch mal wieder bei Tinder rein, was sich da so für Typen tummeln. Das erste Bild poppt auf und ich bin hin und weg. Er ist genau mein Typ. Leicht graumeliertes Haar, 3-Tage-Bart, Kippe im Mundwinkel. Passt wie „Arsch auf Eimer“ formulierte es eine Kollegin von mir, als ich ihr ein paar Tage später seine Profilbilder gezeigt habe.

Kennt ihr die Serie „The Walking Dead“? Ich bin ein riesen Fan. Von der Serie und ganz besonders vom Schauspieler Jeffrey Dean Morgen. Wär ich nicht schon bald 50ig, würden ganz sicher ein paar Bilder von ihm meine Wand schmücken. Mein Tindertyp sah ziemlich genau so aus wie mein Walking-Dead-Schwarm. Auch sein Profiltext hat mich sehr angesprochen. Ich musste keine Sekunde lang überlegen und wischte sein Bild nach rechts. Zu meiner sehr, sehr grossen Freude gab’s ein Match. Hell yeah!

Ich habe so meine Prinzipien, auch in Bezug auf Tindermatches – ich mache selten bis nie den ersten Schritt. Wenn ein Mann es schafft, zu Beginn ein paar einigermassen schlaue Zeilen zu schreiben, dann antworte ich.

Bei Tinder hat eine gute Konversation vor dem ersten Treffen wahren Seltenheitswert. Meiner Erfahrung nach geht es oft nur um das „Eine“ und Konversation ist in diesen Fällen nicht besonders wichtig. Kurzum: wer schreibt, gewinnt. 

Und er hat geschrieben. Und er konnte sich gut ausdrücken. Hat Fragen gestellt. Ich bin geschmolzen wie Butter unter der heissen Sonne. Schnell haben wir herausgefunden, dass wir zeitweise in unserer Jugend im gleichen Dorf in den Bergen gelebt haben. Eine Gemeinsamkeit. Ich war begeistert. 

Aufgrund meiner ersten Onlinedatingerfahrung war ich bei unserem ersten Treffen im realen Leben trotz allem mit einer gewissen Skepsis gewappnet…Bilder sind Bilder und entsprechen nicht immer der Wahrheit.

Es war ein lauer Sommerabend. Ich war vor ihm am Treffpunkt. So nervös war ich seit langem nicht mehr. Schon von weitem habe ich ihn erkannt. Er sah umwerfend aus. Wir haben viel geredet, gelacht und getrunken und konnten die Finger nicht voneinander lassen. Für mich fühlte es sich perfekt an. Der Abend endete knutschend in seinem Auto und ich habe mich wie ein frisch verliebter Teenager gefühlt. Es folgten zwei weitere Dates, die genau so schön und berauschend waren. Nach dem dritten Treffen fragte er mich, ob ich Lust habe, mit ihm ein Wochenende in den Bergen zu verbringen, er wolle mich unbedingt besser kennenlernen. Und wie ich Lust dazu hatte.

Als alleinerziehende Mutter von drei Kindern kann ich nicht spontan an jedem Wochenende verreisen. Es ist zwar absehbar, aber bis das Realität wird, dauert’s noch ein paar Jährchen Also schrieb ich ihm, an welchen Wochenenden es mir möglich wäre. Und dann kam…NICHTS. Nix, Nada. Rien. Nothing. Nach zwei Tagen Funkstille und Ratlosigkeit machte ich mir zudem auch noch Sorgen, dass ihm etwas passiert sein könnte. Schliesslich war er berufsmässig oft mit dem Auto unterwegs. Aus heutiger Sicht könnte man es auch als tindernaiv bezeichnen. Also schrieb ich ihm und bekam prompt Antwort. Allerdings nicht die, auf die ich gehofft habe. 

Er schrieb, das alles ginge ihm viel zu schnell, er habe gemerkt, dass er jetzt erst mal sein Leben als Single leben müsse. Ich sei eine wunderbare Frau, und er fände, dass wir super zusammen passen würden, aber eben, der Zeitpunkt für etwas Neues sei leider nicht der richtige. 

Kennt ihr die Jugendbuch-Reihe „Die drei ???“? Ich las die Worte und konnt’s nicht glauben. „What the fuck“ dachte ich und konnte gleichzeitig die Tränen nicht unterdrücken. Das hat mich getroffen. Voll ins Herz, genau dorthin, wo’s richtig weh tut. Zwei Mal habe ich versucht, ihn anzurufen, er ist aber nie rangegangen. Ich habe nie mehr etwas von ihm gehört. Eigentlich schade, denn auch ich finde, es hätte passen können, doch das Leben besteht nun mal nicht aus „hätte, wäre, wenn“, das ist mir nicht erst seit meinen Erfahrungen mit dem Onlinedating bekannt.

Wenn ich von Anderen ihre Geschichten höre, haben die meisten ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich finde ein solches Verhalten feige und unfair. Mit grösster Wahrscheinlichkeit liegt’s an Tinder im Speziellen oder generell am Wesen der Suche nach der Liebe im Netz. Im Netz ist vieles unverbindlich, oft oberflächlich, und wenn’s halt nicht passt, hat man sicher noch ein, zwei oder sogar mehrere Matches, die man sich „warmgehalten“ hat, falls der oder die vermeintlich Richtige sich doch nicht als Traumprinz oder Traumprinzessin entpuppt. Für Menschen wie mich, die nicht auf ein schnelles Abenteuer aus sind, liegt hier die Krux vergraben. Beim Onlinedating ist man nicht „the one and only“ sondern bloss eine von vielen.

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

Ein Kommentar zu „Date 4 oder warum du nie „die Eine“ bist

  1. Salü Franziska,
    Ich habe nicht aus Schadenfreude „Gefällt mir“ angekreuzt, weil Dir das passiert ist, sondern weil ich es eine gute Geschichte finde.
    Tschüss.

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