Schwarz-Rot-Gelb – Deutsche in der Schweiz

So, so, viele Deutsche fühlen sich bei uns in der Schweiz diskriminiert und nicht dazugehörig. Persönlich kenne ich ja nur Deutsche, die sich in Schweiz durchaus wohlfühlen und hier eine neue Heimat gefunden haben. Trotzdem bin ich nicht sonderlich erstaunt über diese Nachricht…

In der heutigen Online Blickausgabe (http://www.blick.ch/news/schweiz/neue-expat-studie-so-sehr-leiden-deutsche-in-der-schweiz-id3731969.html) stand folgendes:

„Rund 300 000 Deutsche leben zurzeit in der Schweiz. Viele berichten von Beleidigungen, Diskriminierungen und Ablehnung im Alltag.

Von rund 1000 befragten Deutschen, gaben 420 an, dass sie das Gefühl haben, dass sie sich ständig dafür rechtfertigen müssen, in der Schweiz zu arbeiten. Knapp die Hälfte aller Befragten hat das Gefühl, dass ihr «Deutschsein» ein Defizit darstellt.“

Weiter steht:

„Jeder Fünfte wird von seinen Arbeitskollegen nachgeäfft oder muss sich blöde Kommentare gefallen lassen. Laut «Focus.de» versuchen viele Deutsche durch bewusst gesteuertes Verhalten, dem zu entgehen. Ein Drittel spricht deshalb manchmal weniger oder gar nicht mehr, um nicht als Deutscher identifiziert zu werden. Andere verstellen ihr Verhalten, um «weniger Deutsch zu wirken».

Unter dem Strich zeigt die Studie: Willkommen fühlt sich ein grosser Teil der Befragten nicht. 30 Prozent würden die Schweiz auch nicht als neue Heimat wahrnehmen. Sie fühlen sich nicht dazugehörig. (pin)“

Dazu kann ich nur folgendes sagen. Wenn ich in Deutschland bin, dann höre ich mindestens einmal den super originellen Spruch: „Du kommst aus der Schweiz? Ricola – Wer hat’s erfunden?“ Total Laaaangweilig. Fühl’ ich mich wegen solcher Sprüche diskriminiert? Nein.

Ja, wir Schweizer müssen in der Schule hochdeutsch sprechen und schreiben lernen. Wir können das, aber der Schweizer Akzent bleibt. Ich kenne nur ganz wenige Schweizer, die akzentfrei deutsch sprechen. Darüber machen sich die Deutschen in Deutschland auch gerne lustig. Da hat wohl jede Nationalität/Sprache so ihre Tücken und es fällt den Meisten schwer, ihre Herkunft sprachlich komplett zu verbergen.

30% der Deutschen in der Schweiz nehmen die Schweiz nicht als neue Heimat wahr? Heimat ist doch nicht zwingend der Ort, an dem man lebt, sondern dort, wo das Herz zuhause ist. Heimat ist für mich der Ort, wo meine Liebsten leben. Wenn ich im Ausland lebe und arbeite, muss ich damit rechnen, dass der neue Ort nicht zwingend auch meine Heimat wird. Wenn’s klappt, umso schöner. Wenn nicht, dann ist das doch ein Teil des Risikos, den es beim Auswanderungsentscheid zu berücksichtigen gilt. Auch dann, wenn es sich lediglich ums Nachbarsland handelt.

Es gab eine Zeit, wo ich an Nase und Mund je ein Piercing trug. Zudem zieren ein paar Tattoos meinen Körper. Da braucht man nicht Deutsch zu sein, um schief angemacht zu werden. Ist man dann noch mit drei kleinen Kindern unterwegs und quengelt davon mal Eines, kamen die bösen und auch beleidigenden Kommentare postwendend. Wer nicht der Norm entspricht, muss leider auch heute noch damit rechnen, schief angeguckt zu werden. Blöde Sprüche inklusive. Das hat mit deutsch oder nicht deutsch so rein gar nichts zu tun. Dieses Verhalten liegt in der menschlichen Natur.

Schweizer Freunde zu finden, ist schwierig? Da geht es euch Deutschen wie wohl vielen anderen Schweizern auch. Ich kann in Zürich stundenlang in einem Restaurant sitzen und finde keinen einzigen neuen Freund. Kein Schwein ruft dich an? Dann mach doch du den ersten Schritt. Könnte durchaus erfolgsversprechend sein.

Freundschaften zu Menschen aufzubauen, unabhängig von der Nationalität, braucht immer Zeit und Engagement, und zwar von beiden Seiten. Jammern hilft da reichlich wenig. Freundschaften ergeben sich aufgrund von Sympathien und Interessen und nicht aufgrund der Hautfarbe, Religion oder Herkunft.

Zudem bin ich mir nicht sicher, ob es für die Deutschen in der Schweiz wirklich hilfreich ist, wenn sie in den Medien quasi als Opfer von uns bösen Schweizern dargestellt werden. Der Schuss könnte nach hinten losgehen. Persönlich kenne ich übrigens nur Deutsche, die sich in der Schweiz sehr wohl fühlen.

Wenn man sich verstellt, dann kommt das in den wenigsten Fällen gut an, weil es nämlich UNECHT und gekünstelt wirkt. Also, ihr lieben Deutschen, hört doch auf, eure Herkunft verstecken zu wollen. INTEGRATION ist in diesem Fall die Zauberformel und nicht Verstellen.

Zu guter Letzt, ein kleiner Tipp meinerseits…

Wenn ich an einem Ort bin, an dem es mir überhaupt nicht gefällt und ich mich unwohl oder nicht akzeptiert fühle, dann geh’ ich. Zu jammern bringt in solchen Fällen rein gar nichts. Die ANDEREN werden sich nämlich nicht ändern. Nur ich selbst bin in der Lage, etwas zum Bessern zu verändern.

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

6 Kommentare zu „Schwarz-Rot-Gelb – Deutsche in der Schweiz

  1. Das ist ein sehr toller Beitrag und ich gebe die voll und ganz Recht. Zuhause ist dort, wo die Liebsten sind und das Herz wohnt. Das Leben ist nicht immer Friede Freude Eierkuchen. Auch in Deutschland werden Deutsche doof angeschaut oder müssen sich dumme Sprüche anhören. Wenn die Deutschen sich in der Schweiz so unwohl fühlen, sollen sie eben zurück kommen und nicht jammern. Diese „Jammer Gesellschaft“ geht mir auf die Nerven.

    Liebe Grüße
    Tashi

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  2. Ich stamme aus Süddeutschland nahe der Schweizer Grenze, meine Schwester lebt seit vielen Jahren in der Schweiz. Von einer Diskriminierung hab ich noch nie was mitgekriegt, meine Schwester fühlt sich absolut wohl dort. Was das Nachäffen des Dialekts betrifft: Als praktizierende Schwäbin kann ich auch ein Lied davon singen, den Sachsen gehts sicher nicht besser. Mir ist das wurscht, aus dem Alter bin ich raus. Wie langweilig wäre es ohne die Dialekte! Und du hast völlig Recht: Verstellen kommt nicht gut an.

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  3. Ich bin seit 17 Jahren hier, inzwischen Doppelbürgerin, und mich kriegt ihr nicht mehr los 😁.
    Ich wundere mich auch immer, solches Zeug zu lesen, weil ich auch nur Deutsche kenne, die sich hier wohl fühlen. Mein Verdacht ist ja, dass die Medien dieses Thema immer mal wieder rauskramen, will es so schön emotional ist. Außerdem posaunen die Unzufriedenen ja generell lauter als die Zufriedenen. Ist ja bei allem so.

    Gefällt 2 Personen

  4. Ich bin als Deutsch-Schweizerischer Doppelbürger in Zürich aufgewachsen. Mutter Schweizerin, Vater Deutscher. Es war nicht immer ganz einfach, aber bei den Arbeitgebern sind die Deutschen eigentlich sehr beliebt.
    Heute denke ich , dass jeder Deutsche der in die Schweiz kommt damit rechnen muss auf Ablehnung zu stossen. Das kann genau so gut einem Norddeutschen in Süddeutschland passieren. Ansonsten sind die Schweizer eigentlich in Ordnung.

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