Versöhnung mit dem inneren Kind – Teil 1

Vor gut zehn Jahren habe ich zum ersten Mal ein Buch zu diesem Thema gelesen. Das innere Kind – ich konnte nicht wirklich etwas mit diesem Konzept anfangen. Das innere Kind? Was soll das genau sein? Das Ganze schien mir zu abstrakt, zu weit weg von der Realität…Heute sehe ich das jedoch anders.

„So wie wir als Kinder behandelt werden, behandeln wir uns während unseres ganzen restlichen Lebens.“

Zitat von Alice Miller, Psychoanalytikerin und Autorin des Buches „Am Anfang war Erziehung“

Vor 43 Jahren hat alles seinen Anfang genommen. Beim ersten selbständigen Atemzug. Bei einigen sogar schon bei der Geburt.

Ich bin das leibliche Kind meiner Eltern.

Ich bin das Heimkind aus dem Kinderheim.

Ich bin das Pflegekind meiner Pflegeeltern.

Ich bin das einsame Kind.

Ich bin das traurige Kind.

Ich bin das umsorgte Kind.

Ich bin das glückliche Kind.

Ich bin das starke Kind.

Ich bin kein stabiles Ich. Wir alle haben verschiedene Persönlichkeitsanteile und all diese Persönlichkeitsanteile haben einen adaptiven Sinn. Vereinfacht ausgedrückt ist damit gemeint, dass wir uns unsere Persönlichkeitsanteile, auch die negativen und zerstörerischen, im Laufe unseres Lebens situationsbedingt angeeignet haben.

Als Kind habe ich mich oft alleine, verlassen und nicht geliebt gefühlt. Da meine Eltern psychisch krank sind und meine Mutter zudem stark alkoholabhängig war, konnte ich einen grossen Teil meiner Kindheit nicht bei meinen Eltern aufwachsen. Und obwohl meine Eltern damals zu meinem Wohle richtig entschieden haben, bin ich dieser Entscheidung damals als Kind machtlos gegenüber gestanden. Ich fühlte mich in diesem Moment verraten und verkauft. Wert- und bedeutungslos.

Gefühle, denen ich in meinem Leben immer wieder begegnet bin. Und das sogar in regelmässigen Abständen. Im Laufe meines Lebens als Erwachsene habe ich mir so einige Methoden angeeignet, um die negativen Gefühle so rasch als möglich wieder loszuwerden. Ablenkung und Verdrängung haben, so schien es mir, recht gut dabei geholfen. Doch ich habe mich getäuscht.

Bereits als Kind hatte ich so einige Methoden (positive und negative) in petto, um Aufmerksamkeit von Erwachsenen zu generieren. Aufmerksamkeit, die mir als Kind gut tat.

Bei solchen Gefühlen darf man auf gar keinen Fall wegschauen. Im Gegenteil – man muss ganz genau hinschauen – auf sein inneres Kind. Und man muss sich mit ihm versöhnen.

Von uns Menschen hat jeder zwei verschiedene Persönlichkeitsaspekte: den Erwachsenen und das Kind.

Dieses innere Kind ist ein Teil von uns, den wir oft nicht wirklich wertschätzen. Menschen, die als Kind nicht wertgeschätzt fühlten, haben oft Mühe, das Kind in sich zu wertschätzen. Sie halten es für unwichtig und wollen nichts mehr von ihm wissen. So werden jedoch die negativen Kindheitserfahrungen endlos weiter fortgesetzt und verfolgen uns ein Leben lang.

Ein Kind erlebt seine Gefühle ganz intensiv. Sowohl Freude und Leid als auch Glück und Traurigkeit. Es handelt sich dabei um die Gefühle, die aus dem Bauch kommen.

Das innere Kind ist nicht der unbewusste Anteil von uns, es ist der Persönlichkeitsaspekt, dem wir viel zu wenig Aufmerksamkeit oder gar keine Aufmerksamkeit schenken. Das innere Kind ist vom SEIN, FÜHLEN UND ERLEBEN gelenkt, welche der RECHTEN Hirnhälfte zuzuordnen sind.

Beim Erwachsenen dominiert meist die linke HirnhälfteDENKEN, MACHEN und HANDELN. Zugleich sind wir aber auch in der Lage, über unsere gesamte Gefühlspalette zu verfügen.

Bei meiner dreijährigen Ausbildung zur Einzel-, Paar- und Familienberaterin bin ich dann mit diesem Thema erneut in Berührung gekommen. Und meine Erfahrung war dabei eine ganz andere. Bei Verletzungen aus der Kindheit ist die Versöhnung mit dem inneren Kind von unglaublicher Wichtigkeit. Ich habe es einerseits als Klientin selbst erlebt und konnte andererseits als Beraterin mit diesem Konzept arbeiten.

Die Versöhnung mit dem inneren Kind ist ein heilender Prozess, der uns dabei unterstützt, als Erwachsene unser volles Potential zu erkennen und zu leben. Ich habe es als extrem befreiend und wohltuend empfunden.

Wie funktioniert dieses Konzept denn genau? Und was verändert sich danach? Wollt ihr mehr darüber erfahren?

Fortsetzung folgt…

Quelle: Erika J. Chopich, Margaret Paul, Aussöhnung mit dem inneren Kind, 2012

 

 

 

 

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

12 Kommentare zu „Versöhnung mit dem inneren Kind – Teil 1

  1. Das ist ein sehr tiefgehender, wichtiger Beitrag.
    Ich kann hierzu auch das Buch „Das Drama des begabten Kindes“ von Alice Miller empfehlen.

    Aber gespannt bin ich hier auf die Fortsetzung. Es gibt immer wieder Situationen, in denen man auch im fortgeschrittenen Alter sein inneres Kind umarmen muss. Nach erfolgreicher Psychotherapie und Eigenreflexion wird das sicher im Alter weniger werden, jedoch – gerade bei Abspaltung und Verdrängung – nie ganz aufhören.

    Da ich demnächst einen dritten Blog zum Thema „Leben, Psychologie, Kunst und Humor“ eröffne, würde ich Deine Beiträge gern rebloggen, wenn ich darf. Die Thematik ist unglaublich wichtig.

    Liebe Grüße
    Sylvia

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  2. Liebe Sylvia, ich kenne das Buch auch und ja, es ist wirklich sehr empfehlenswert. Bin also sehr gespannt auf deinen neuen Blog und wünsche dir jetzt schon viel Spass und Erfolg damit. Und natürlich darfst du Beiträge von mir rebloggen, sehr gerne sogar. Herzlich, Franziska

    Gefällt 1 Person

  3. Liebe Sylvia, vielen Dank für deine nette Einführung zu meinem Blog Post. Ich fühle mich wirklich geehrt, dass du auf deiner neuen Seite „wiedaslebenklingt“ meinen Beitrag „Versöhnung mit dem inneren Kind – Teil 1“ rebloggt hast. Herzlich, Franziska

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