Versöhnung mit dem inneren Kind – Teil 2

Nach dem ersten Teil meines Blog Posts über die Versöhnung mit dem inneren Kind hatte ich einige interessante und anregende Gespräche über dieses Thema. Jemand hat mich gefragt, ob es denn wirklich Sinn macht, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen oder ob es nicht viel effizienter sei, nach Vorne zu blicken und die Vergangenheit endlich ruhen zu lassen.

Bei der Arbeit mit dem inneren Kind geht es in erster Linie darum, Ressourcen zu suchen. Das zu suchen, was dem Erwachsenen gut tut und gleichzeitig dem verletzten Kind Trost spendet. So gelingt Versöhnung. Man begibt sich bei der Arbeit mit dem inneren Kind zwar zurück zu einem belastenden Ereignis, man tut dies jedoch als Erwachsener im HIER UND JETZT.

Nicht für jeden ist die Arbeit mit dem inneren Kind geeignet. Was bei mir gut funktioniert hat, muss nicht auch zwingend für eine andere Person gelten. Zudem spielt der Schweregrad der Traumatisierung ebenso eine wichtige Rolle. Bevor man sich dem inneren Kind zuwendet, muss der erwachsene Klient stabilisiert sein, d.h. der Klient verfügt über genügend eigene Ressourcen. Zwischen dem Klienten und dem Berater muss eine gute und neutrale Beziehung bestehen.

Da meine Mutter und mein Vater psychisch krank waren und ich schon mit zwei Jahren in ein Kinderheim kam, fehlte es mir als Kind schon früh an Grundvertrauen. Durch diese unsicheren Bindungsstrukturen zu meinen Eltern fühlte ich als Kind ein dauerhaft unerfülltes Bedürfnis nach Geliebtwerden.

Zudem war ich oft ein sehr wütendes Kind. Ich war wütend auf meine Mutter, weil sie sich nicht um mich gekümmert hat, weil sie den ganzen Tag im Bett lag, eine Zigarette nach der Anderen geraucht und dazu Rotwein getrunken hat. Ebenso war ich von meinem Vater enttäuscht, weil er es nicht richten konnte und ich, wenn ich dann mal zuhause war, sehr oft mit meiner depressiven und betrunkenen Mutter alleine klarkommen musste.

Zusammengefasst fühlte ich mich als Kind oft ungeliebt, verlassen, enttäuscht und wütend.

Die Arbeit mit dem inneren Kind gab mir die Möglichkeit, mich nochmals intensiv mit den belastenden Ereignissen meiner Kindheit zu befassen. Wenn man sein inneres Kind zulässt, dann spürt man auch nochmals die Gefühle, die man in der entsprechenden Situation durchlebt hat. Tränen garantiert.

Doch man merkt, so ist es zumindest mir ergangen, dass man nicht einfach „nur“ das verletzte Kind ist. Man ist auch ein starkes, mutiges oder fröhliches Kind. Auch die positiven Anteile schlummern in uns. Und ganz wichtig – wir sitzen dort eben nicht als Kind, das beispielsweise verlassen wurde, sondern als Erwachsener, der eine Situation in der Vergangenheit durchlebt und just in diesem Moment die Chance hat, den Spiess umzudrehen. Was hätte das Kind zu diesem Zeitpunkt gebraucht? Kann der Erwachsene dem Kind JETZT das geben oder sagen, was es braucht?

Wenn das gelingt, dann sind wir plötzlich ganz. Ich habe das zumindest so erlebt. Es ist wie wenn die einzelnen Teile eines Puzzles zusammengefügt ein Gesamtbild ergeben. Wir sind nicht mehr hilflos diesen Gefühlen von früher ausgeliefert, wenn wir als Erwachsene in eine Situation kommen, in der wir uns beispielsweise ungeliebt oder verlassen fühlen. Wir sind dann in der Lage, zu erkennen, dass dies die Gefühle unseres inneren Kindes sind und können als Erwachsene entsprechend handeln, ohne in ein kindliches Schema zurück zu verfallen.

Bei der Arbeit mit dem inneren Kind konnte ich die Trauer, die Verzweiflung auch körperlich nochmals spüren und nach empfinden. Dies machte es mir möglich, mein Körpergedächtnis neu zu programmieren, gewisse Situationen anders und vor allem besser zu erleben.

Es geht darum wie sich im HIER UND JETZT etwas zeigt und wie es im HIER UND JETZT anders erlebt werden kann.

Und nie vergessen…Gesunder Humor und Lachen als Ausdruck von Fröhlichkeit und Ausgelassenheit nähren und stärken das innere Kind ungemein.

 

Quelle: Künzler, Böttcher, Hartmann & Nussbaum, Körperzentrierte Psychotherapie im Dialog, 2010

 

 

 

 

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

4 Kommentare zu „Versöhnung mit dem inneren Kind – Teil 2

  1. Hat dies auf rebloggt und kommentierte:
    Hier ist Teil 2 zu“Versöhnung mit dem inneren Kind“ von Franziska.
    „Es geht darum wie sich im HIER UND JETZT etwas zeigt und wie es im HIER UND JETZT anders erlebt werden kann.“
    Ein wunderbarer Leitsatz!

    Gefällt 1 Person

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