Geschichten meiner Kindheit – Ich, das Heim- und Pflegekind Teil 1

Wie das schon klingt. Heimkind, Pflegekind. Da werden doch sogleich einige Klischees bedient. Belastende Kindheit, schwieriges Elternhaus. Das sehr wohl. Chancenlos. Heimatlos. Keine Perspektive. Verlorene Zukunft. Kann, muss aber nicht.

Als ich zwei Jahre alt war, kam ich in ein Kinderheim in Gais im schönen Appenzell. Der Ort war aber das einzig Schöne daran. Viel zu weit weg von allem. Ich erinnere mich noch sehr genau an das Gefühl des Verlassenwerdens am Tag meiner Ankunft. Der Moment, als meine Eltern ohne mich wieder nach Hause gefahren sind. Ein Moment, der sich dauerhaft in meine Kinderseele eingebrannt hat.

Wenn ich heute die Augen schliesse, dann sehe ich Klein-Franziska dort stehen und Rotz und Wasser heulen. Damals verstand ich noch nicht, warum ich nicht Zuhause bei Mama und Papa aufwachsen durfte. Ich wusste nicht, was Begriffe wie „psychisch krank“, „Depressionen“ und „Überforderung“ bedeuteten.

Ich war dort etwa ein halbes Jahr. Ich glaube, mein Vater hat sich damals bei meiner Mutter für mich stark gemacht, dass ich wieder nach Hause durfte. An diese Zeit im Kinderheim habe ich meine allerersten bewussten Kindheitserinnerungen. Es sind keine guten Gefühle, die mich dabei überkommen, wenn ich daran zurückdenke. Trauer, Einsamkeit, Schmerz und Unverständnis.

Zuhause ist es wohl nicht all zu gut gelaufen, denn ein halbes Jahr später kam ich zu meiner ersten Pflegefamilie. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind etwas verschwommen. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich dort nicht herumrennen und keine Gegenstände anfassen durfte. Meine erste Pflegemutter hatte einen grauenhaften Putzfimmel und sobald ich etwas anfasste, schimpfte und putzte sie hinter mir her. In meiner ersten Pflegefamilie gab es keine anderen Kinder und ich fühlte mich auch hier sehr einsam. Im Kinderheim in Gais lebten wenigsten noch andere Kinder, mit denen ich spielen konnte. Gott sei Dank dauerte der Aufenthalt bei diesen Pflegeeltern nur wenige Monate. Warum ich wieder nach Hause konnte, entzieht sich meinen Kenntnissen. Vielleicht haben meine Eltern ja bemerkt, wie unglücklich ich dort war.

Bald darauf kam ich in den Kindergarten, wohlgemerkt in einen katholischen Kindergarten, das war meinem streng katholischen Vater sehr wichtig. Geleitet wurde der Kindergarten von Nonnen. Sehr lieben und aufmerksamen Nonnen.

Denn irgendetwas stimmte nicht mit mir. Ich weinte viel, wirkte unglücklich und meine Zeichnungen waren nicht farbenfroh, wie es bei Kindern eigentlich sein sollte, sondern dunkel und düster. Braun und schwarz waren damals meine Lieblingsfarben. Immer öfter durfte ich bei den Nonnen in der Wohnung frühstücken. Diese Frauen haben mich richtig bemuttert und sich um mich gekümmert. Das hat mir unheimlich gut getan und ich habe diese Frühstücksmomente sehr genossen. Ich fühlte mich bei diesen Nonnen sehr geborgen. Ein Gefühl, dass ich bis dahin kaum kannte.

Das allerwichtigste war jedoch, dass die Nonnen mir zugehört haben.

Diesen Nonnen habe ich vertraut und habe ihnen auf kindliche Art und Weise erzählt, wie es bei Mama und Papa so zu und her geht: Papa arbeitet viel und Mama ist den ganzen Tag zuhause in der Wohnung. Sie liegt sehr viel in ihrem Bett und trinkt Rotwein und raucht eine Zigarette nach der anderen. Ich spiele viel alleine in meinem Zimmer. Verhalte mich möglichst unauffällig und leise. Denn Mama kann ganz schön wütend werden, wenn ich zu laut bin. Manchmal streiten sich meine Eltern ganz furchtbar und Mama schreit ganz laut, dass alles alleine meine Schuld sei. Es kommt auch vor, dass Mama aus dem Fenster springen will und Papa ihr eine runterhauen muss, weil sie so aufgeregt ist und es keine andere Möglichkeit gibt, sie in solchen Momenten zu beruhigen.

Die Nonnen haben mir zugehört und sie haben mir geholfen. Sie kannten eine Familie im Quartier, die gerne ein Kind bei sich aufnehmen wollte – ein Pflegekind – mich.

Zurückblickend war dies der erste entscheidende Wendepunkt in meinem damaligen Leben. Nach den ersten belastenden vier Jahren meines Lebens lernte ich endlich etwas kennen, das mir bis zu diesem Zeitpunkt gänzlich unbekannt war. Einen geregelten Tagesablauf und Normalität. Es ist ein Moment, der mein Leben entscheidend beeinflusst hat. Positiv beeinflusst hat. Und dafür bin ich äusserst dankbar.

Da war ich also nun. In einer neuen, mir gänzlich unbekannten Familie.

Wie’s weiter ging? – Teil 2 folgt nächste Woche

Hier noch für Interessierte die Links zum Hintergrund meiner Eltern

Vom Leben und Leiden meines Vaters Teil 1, Teil 2 & Teil 3

Vom Leben und Leiden meiner Mutter 

 

 

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

11 Kommentare zu „Geschichten meiner Kindheit – Ich, das Heim- und Pflegekind Teil 1

  1. guten morgen franziska,
    vorgestern kam ich beim recherchieren über pflegekindern auf deinen blog. du weisst gar nicht, wie gut es mir tat, über deine erfahrungen zu lesen, als pflegekind aufzuwachsen.
    auch ich wuchs in einer pflegefamilie auf, zu denen ich bis zum heutigen tag kontakt habe. während all den jahren bei meiner pflegefamilie, besuchte ich auch meine leibliche mutter alle paar wochen, was schön war, gleichzeitig jedoch für mich auch äusserst belastend…eben halt behaftet mit all der problematik, die so eine situation mit sich bringt….
    ich danke dir für deinen blog, deine offenen worte, „wär weiss“ vielleicht können wir uns noch etwas mehr darüber austauschen.
    corinne

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  2. Liebe Corinne, vielen Dank für deine lieben Worte. Bei solch einem Feedback weiss ich immer, dass ich mit meiner offenen und ehrlichen Art auch über schwierige und persönliche Themen zu schreiben, absolut richtig liege. Wie stellst du dir denn einen Austausch vor? Tönt interessant. Liebe Grüsse, Franziska

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