Vom Leben und Leiden meines Vaters – Teil 1

Über das Schicksal meiner Mutter habe ich schon so einiges geschrieben. Es ist deshalb an der Zeit, auch einmal über meinen Vater zu berichten. Doch wo fange ich an? Mein Vater ist kein Mann der grossen Worte. Gefühle zu zeigen, fällt ihm schwer. Sehr schwer sogar. Der Vater meines Vaters hat sich 1940 das Leben genommen. Ein schwerer Schicksalsschlag, den mein Vater nie überwunden hat. 1983 ist seine von ihm über alles geliebte Mutter gestorben. Nie sah ich eine Träne, nie hat er über seine Trauer und den Verlust gesprochen. Eines Nachts bin ich aufgewacht, weil mein Vater im Schlaf laut geschrien hat. Meine Mutter und ich konnten ihn nicht beruhigen. Wir mussten einen Arzt kommen lassen, der ihm ein Beruhigungsmittel gespritzt hat. Heute glaube ich, er hat sich in dieser Nacht den über Jahre angestauten Kummer von der Seele geschrien. 

Die Gefühlswelt meines Vaters ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Es ist deshalb eine echte Herausforderung, über ihn und sein Leben zu berichten.

Aber wie jede Geschichte nimmt auch diese ihren Anfang als mein Vater geboren wurde. Er kam im Jahre 1934 in Zürich zur Welt. 1939 begann der 2. Weltkrieg. Sein Vater, mein Grossvater, hatte ein eigenes Geschäft, das bis zu diesem Zeitpunkt sehr erfolgreich war. Nach dem Krieg veränderten sich jedoch die Zeiten. Nach nur einem Jahr stand mein Grossvater vor dem Konkurs. Das Schicksal meines Vaters hat hier seinen Lauf genommen.

Eines Abends kam mein Grossvater nicht wie gewöhnlich von der Arbeit nach Hause. Meine Grossmutter und mein Vater machten sich gemeinsam auf die Suche nach ihm. Als sie an der Garage vorbei liefen, hörten sie ein Motorengeräusch. Sie fanden meinen Grossvater im Auto mit laufendem Motor – mit einer Waffe in der Hand und einem Einschussloch im Kopf. Er wollte auf Nummer sicher gehen.

Jetzt standen die Beiden vor dem Nichts. Es war das Jahr 1940. Meine Grossmutter war eine Witwe, ohne Geld, ohne Ausbildung, mit einem kleinen Kind.

Für meinen Vater was dies ein schreckliches Trauma. Er war doch gerade erst sechs Jahre alt. Nach dem Selbstmord seines Vaters mussten er und seine Mutter ganz von vorn anfangen. Meine Grossmutter hatte keine Ausbildung. Sie sind dann von Zürich nach Bern gezogen und meine Grossmutter arbeitete zuerst als Kindermädchen bei einer reichen Familie. Gleichzeitig besuchte sie eine Abendschule und hat sich zur Sekretärin ausbilden lassen. Meine Grossmutter war eine starke und bemerkenswerte Frau.

Mein Vater hat nach dem Selbstmord meines Vaters sehr gelitten. Damals gab es in solchen Lebenssituationen noch keine psychologische Betreuung. Und seine Mutter war damit beschäftigt, sich und den kleinen Carl über Wasser zu halten. Zum Leben hatten sie gerade das Notwendigste. Da blieb wenig Zeit für Sentimentalitäten.

Von meinem Vater weiss ich, dass seine Mutter und er nicht viel über das Geschehene gesprochen haben, obwohl er unter dem tragischen Verlust seines Vaters wahnsinnig gelitten hat.

Fortsetzung folgt…

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

7 Kommentare zu „Vom Leben und Leiden meines Vaters – Teil 1

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