Lieber Papa, dass es so weh tut…

hätt’ ich nicht gedacht. Ich dachte, ich sei vorbereitet. Ein gewaltiger Irrtum, denn auf den Tod eines geliebten Menschen kann man sich nicht vorbereiten.

Es ist die Nacht auf Montag, als mich um 1:53 Uhr das Telefonklingeln aufschreckt. Ich habe noch nicht geschlafen und lag hellwach in meinem Bett. Meine Gedanken waren bei dir. Ich war unruhig und konnte nicht einschlafen, wie so oft in letzter Zeit. Vielleicht war es eine Vorahnung, ich weiss es nicht.

Als ich die Nummer des Altersheims auf dem Display erkenne, weiss ich genau, warum sie mich mitten in der Nacht anrufen. Es gibt dafür nur einen einzigen Grund. Du wirst sterben oder bist bereits gegangen.

Ich müsse jetzt stark sein, sagt die leise und einfühlsame Stimme der Nachtwache am Telefon. Es dauere nicht mehr lange, dein Puls sei nur noch ganz schwach. Kaum fühlbar.

Das Gefühl des Schmerzes ist überwältigend und von einer mir bisher unbekannten Intensität. Es nimmt mir beinahe die Luft zum Atmen. Eine Schwere legt sich über meine Brust und erdrückt mich schier.

Lieber Papa, auch wenn ich mich nach dem ersten Schock schnellstmöglich auf den Weg zu dir aufmachte, hat es nicht mehr gereicht, dich noch einmal lebend zu sehen. Du hast um 2:05 deinen letzten Atemzug gemacht und dein Herz hat aufgehört zu schlagen. Stolze 82 Jahre alt bis du geworden. Davon kenne ich dich nun fast 44 Jahre lang. Kannte – Vergangenheit. Nun bist du sanft und friedlich eingeschlafen – für immer. Hast deine Lasten abgelegt, die du so lange mit dir getragen hast. Du hast deine letzte Reise angetreten.

Du bist der erste Tote, den ich berührt habe. Deine Haut war noch warm, als ich in Tränen aufgelöst an deinem Bett sass und deine Hand gehalten habe. Eine Berührung, die du nicht mehr wahrgenommen hast, die mir in diesem intimen Moment jedoch unendlich viel bedeutete.

Ich habe dabei geholfen, dir dein Totenhemd anzuziehen, dich für den Transport auf den Friedhof zurechtzumachen. Ich habe mich nicht gefürchtet, dich zu berühren. Ganz im Gegenteil – es hat mir gut getan, dir diese letzte Ehre zu erweisen.

Du sahst so friedlich aus, fast scheint es so, als würdest du lächeln. Fast ein bisschen verschmitzt. Nicht wie tot, eher so, wie wenn du ein Nickerchen machen würdest. Wie so oft in den letzten paar Wochen.

In den vergangenen Wochen warst du dem Tode näher, als dem Leben. Seit Mama nicht mehr bei dir lebt, hat sich dein gesundheitlicher Zustand drastisch verschlechtert. Mir schien das nicht zufällig. Euch hat immer ein unsichtbares Band verbunden. Miteinander ging’s nicht, ohne aber auch nicht. Das ist zumindest mein Eindruck. Oder das war mein Eindruck. Wieder Vergangenheit. Ob ich mich jemals daran gewöhnen werde? Im Moment schwer vorstellbar.

Ich war vorbereitet und doch auch wieder nicht. Die Nachricht über den Tod eines geliebten Menschen überrollt einem wie Zug in voller Fahrt. Ungebremst. Hart. schmerzhaft. Heftig. Unvorbereitet. Franz Kafka sagte einst: „Man sieht die Sonne langsam untergehen und erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel ist“.

Ich sitze an deinem Bett und nehme Abschied. Es ist so friedlich, wie du da liegst in der Stille der Nacht. Das Kerzenlicht, welches ich für dich angezündet habe, flackert und wirft gespenstische Schatten an die Wand. Alles ist irgendwie unwirklich. Wie ein schlechter Traum – mit dem Unterschied, dass man hier nicht aufwacht und erleichtert feststellt, dass man das Ganze nur geträumt hat. Ich fühle mich unendlich allein und traurig. Tränen ohne Ende, ein Tränenmeer.

Geliebter Papa, du konntest endlich gehen. Du hast losgelassen. Es war ein langer und beschwerlicher Weg. Und nun bist du frei – frei von Schmerzen, sowohl von körperlichen als auch von seelischen.

Ich weiss, du bist nun an einem besseren Ort. Das ist zwar tröstlich, aber die Trauer ist deswegen nicht minder wenig. Zumindest noch nicht. Dein Tod hat mich erschüttert.

Papa, du bist für immer tief in meinem Herzen. Ein Teil von dir lebt in mir weiter und in deinen drei Enkelkindern. Jedes Leben hat einen Anfang und ein Ende, soviel ist gewiss.

Für alles, was wir beide erleben durften, sowohl Gutes als auch Schlechtes, schöne Zeiten und schwierige Zeiten. So wie es war, war es gut. Danke, danke für alles.

Ruhe in Frieden, geliebter Papa! Eines Tages werden wir uns wiedersehen, daran glaube ich fest. Bis dahin trage ich die Erinnerungen an dich in meinem Herzen.

Deine Tochter Franziska

 

 

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

24 Kommentare zu „Lieber Papa, dass es so weh tut…

  1. Auch von mir mein aufrichtiges Beileid. Ich weiß, dass man in solchen Momenten, nicht hören (in diesem Fall lesen) mag, dass andere diese Gefühle vielleicht so (oder so ähnlich) kennen. Aber ich verstehe dich, mein Papa fehlt mir auch, jeden Tag auf’s Neue…man lernt nur damit zu leben…vergehen wird der Schmerz um den Verlust wohl nie gänzlich…unbekannte liebe Grüße, Lini

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  2. Liebe Franziska
    Ich weiss nicht, ob du mich noch kennst. Eigentlich haben wir uns nur immer flüchtig gesehen. Durch Facebook bin ich auf deinen Blog gestossen (ich kenne Masha von GCS) und deine Worte haben mich tief berührt.
    Mein herzliches Beileid. Es tut mir sehr leid und ich wünsche dir viel Kraft für die kommende Zeit. Ich weiss, wie du dich fühlst, da ich letzten Herbst auch einen geliebten Menschen verloren habe. Du schreibst sehr schön. Mir sind gerade die Tränen runtergelaufen…
    Viele liebe Grüsse
    Karin

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  3. Danke, liebe Franziska, dass du uns dein Herz öffnest. (Eine grosse Geschichte, die von Herzen kommt, wie so oft.) Und ja: Man kann vorbereitet sein. (Aber nein: Trotzdem ist man nie vorbereitet auf das, was dann wirklich passiert.) Ich wünsche dir viel Kraft bei allem, was du jetzt tun musst. (Und viel Frieden mit all dem, was jetzt gehen darf.)

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  4. Herzliches Beileid! Ja, ich kenne diesen Schmerz geliebte Menschen zu verlieren seit meiner frühesten Kindheit. Bei Eltern ist dieser Schmerz besonders tief. Und man kann nicht sagen „so oder so kannst Du Deine Trauer bewältigen“ – diese ist so unterschiedlich wie es Menschen gibt in Intension… Allem. Was man braucht ist die Kraft sich mit ihr auseinander zu setzen, sie zu teilen – Manche wollen sie im Schweigen verarbeiten…
    Aber ein Teil Deines Vaters lebt ja weiter – in Dir und Deinen Gedanken. Ich fühle mit Dir!

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  5. 😦 es ist bestimmt schön und tröstlich wenn du daran glauben kannst. Bis der Schmerz erträglich wird dauert es etwas. Aber man lernt irgendwann damit zu leben – obwohl ich nicht denke, dass man je aufhört, die Lücke im Leben zu spüren.

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  6. Das tut mir leid. Mein Beileid. Das hilft vielleicht ein bisschen… Eine wunderschöne Stelle aus der kleine Prinz… Wenn du in der Nacht den Himmel betrachtest, weil ich auf einem von ihnen wohne, dann wird es für dich so sein, als ob alle Sterne lachten, weil ich auf einem von ihnen lache. Ich denke an dich!

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  7. Liebe Franziska

    Mein aufrichtiges Beileid zu Deinem schmerzlichen Verlust.

    Es war ein sehr bewegender Moment als ich Deine Worte gelesen habe. Und es führte mir einmal mehr vor Augen wie wichtig es ist, dass wir die Zeit, welche wir mit unserem Liebsten verbringen dürfen, zu schätzen wissen.

    Was mich sehr beeindruckte war die offene Art wie du alles formuliert hast. Und ich glaube zu wissen, dass Du für deinen Papi bis zum Schluss immer da warst, sicher nicht immer einfach für Dich und Deine Familie.

    Wenn ich Carl mit einer Eigenschaften beschreiben darf wie ich ihn wahrgenommen habe denke ich unverzüglich an hoch begabt und unglaubliche belesen. Sein Wissen über unsere Welt und ihre geschichtlichen Zusammenhänge schien unerschöpflich, sein Fundus diesbezüglich im Vergleich zum eigenen gigantisch. Er hat mich immer zu tiefst beeindruckend und es war hochspannend mit ihm über das Weltgeschehen zu diskutieren und so Zusammenhänge besser zu verstehen, eigentlich war es kein diskutieren, am liebsten hätte man stundenlang seinen Ausführungen und Erklärungen zu gehört. Genau so werde ich den Carl in Erinnerung tragen.

    Ich fühle und trauere mit Dir.

    /Beat

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  8. Mein herzliches Beileid liebe Franziska. Ich wünsche Dir Kraft in dieser schweren Zeit und war von Deinen Worten sehr berührt. Der Tod mit seiner Endgültigkeit ist nichts worauf man sich vorbereiten kann aber die Hoffnung, dass der geliebte Mensch an einem besseren Ort ist, spendet Trost.

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