Mein Vater, der liebe Gott und ich – Teil 1

Mein Vater wäre am heutigen Tag mit Sicherheit sehr stolz auf mich. „Wäre“ benutze ich deshalb, weil er leider nicht mehr unter uns weilt, was mich immer noch mit grosser Trauer erfüllt, wenn mir diese Tatsache unverhofft und unvorbereitet ins Bewusstsein rückt.

Im heutigen Mamablog des „Tages Anzeigers“ wurde ein Beitrag mit dem provokativen Titel „Taufe? Nein danke!“ veröffentlicht, den ich einfach nicht unkommentiert lassen konnte. Also habe ich mit den folgenden Anfangsworten Stellung bezogen: „Hallo, als gläubige Katholikin…“.

Meine religiöse Prägung hat mich diesbezüglich mit ihrer vollen Breitseite erwischt.

Das hätte meinen Vater wahrhaft mit Stolz erfüllt. Seine Tochter bekennt sich sozusagen öffentlich als gläubige Katholikin. Für mich klingt „gläubige Katholikin“ eher nach einer aussterbenden Spezies, um ganz ehrlich zu sein. Auch sonst gehe ich mit diesem Begriff nicht hausieren. Eigentlich nur dann, wenn man mich konkret danach fragt oder Religion als Thema diskutiert wird, was nicht gerade häufig vorkommt.

Prägungen und ihr Einfluss auf unser Leben

Ich habe schon einige Male darüber geschrieben. Jeder, und damit ist ausnahmsloser jeder Mensch gemeint, wurde und wird im Laufe seines Lebens geprägt. Von Menschen oder von Erlebnissen, die auf sein weiteres Leben Einfluss nehmen. Prägungen sind die Vorlage für unbewusste, manchmal auch bewusste Drehbücher für unser Leben. Für uns und für unser Leben und wie es sein soll. Aber auch für die Menschen in unserem Umfeld, oft sogar für die ganze Welt. Was damit geschieht, haben wir eigentlich in der Hand, doch was wir damit tatsächlich anfangen, kann man emotional, selbst wenn man sich der Mechanismen bewusst ist, nicht immer gleich gut handhaben.

Wenn wir in der Lage sind unsere Prägungen als Stärke zu sehen, können wir damit positive Lebensentwürfe gestalten. Destruktive Lebenspläne können im Gegenzug die Lebensqualität mindern.

Ich kenne beides.

Der Prägungsrucksack

Mein, ich nenn es mal Prägungsrucksack, ist mit vielen Steinen gefüllt. Die einen wiegen schwer, die anderen wiegen leichter. In den letzten fünf Jahren habe ich vermehrt daran gearbeitet, dass die schweren Steine, nicht mehr so sehr ins Gewicht fallen. Steine, wie ein Kind psychisch kranker Eltern zu sein, die Alkoholabhängigkeit meiner Mutter, Heimaufenthalte, Pflegefamilie, Schläge zur Bestrafung, ein Aussenseiter in der Schule zu sein. Um nur ein paar davon zu nennen.

Es gab auch Steine, von deren Last ich mich ganz und gar befreien konnte. Diese Prägungen hatten aber wenig mit meiner Kindheit zu tun, darum fiel es mir vermutlich leichter, sie loszulassen.

Ein weiterer Stein, um bei dieser Metapher zu bleiben, war meine religiöse Prägung, auf welche hauptsächlich mein Vater starken Einfluss nahm. Mein Vater wurde römisch-katholisch erzogen. Als Jugendlicher verbrachte er einen Teil seiner Kindheit im Kloster. Später dann, als junger Erwachsener war es sein sehnlichster Wunsch, dem Kloster als Mönch beizutreten. Was aus diversen Gründen nicht klappte. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann hier gerne nachlesen.

Auch ich wurde römisch-katholisch getauft und erzogen.

Als Kind musste ich, sobald ich auf meinen Beinen stehen und laufen konnte, jeden Sonntag zur Kirche. Ausnahmslos jeden.

Da kannte mein Vater kein Pardon. In meinen Augen erschwerend hinzu kam, dass mein Vater nicht in irgend eine „normale“ katholische Kirche ging, sondern zu einer speziellen namens Una Voce. Dort wurde und wird auch noch heute die Messe nach dem alten römischen Ritus gefeiert. Der Gottesdienst fand in lateinischer Sprache statt, und das Ganze dauerte um einiges länger als gewöhnliche katholische Messen. Meine Pflegemutter war auch katholisch und ging mit uns Kindern ebenfalls sonntags zur Kirche, daher wusste ich, dass diese Messen um einiges kürzer und deutlich kinderfreundlicher waren.

Am meisten verhasst war mir aber Ostern. Dort musste ich an fünf Tagen in Folge zur Messe – Gründonnerstag, Karfreitag, Ostersamstag, Ostersonntag und Ostermontag. Eigentlich müsste ich hier ein Ausrufezeichen setzen, ich lass es aber trotzdem bleiben. Das Ausmass scheint mir durchaus begreiflich.

Mein Gott, dein Gott

Der Gott meines Vaters und seiner Una Voce, ich nenne das bewusst so, war und ist ein sehr strenger Gott. Ein strenger und strafender Gott.

Die Angst nach meinem Tod im Fegefeuer zu enden, hat mich von Kindsbeinen an begleitet.

Heute ist das Gott sei Dank nicht mehr so. „Mein“ Gott ist viel gnädiger und wohlwollender. Er ist uns Menschen zugetan und will uns nicht auf Gedeih und Verderben bestrafen, wenn wir uns mal nicht nach einem seiner Gebote richten.

Als ich mit zwölf Jahren im Kanton Graubünden zur Schule ging und somit weit genug aus dem Dunstkreis meines Vaters entfernt war, ging ich nicht mehr zur Kirche, obwohl mein Vater dies ausdrücklich von mir verlangt hatte. Den Mut, es ihm zu sagen, hatte ich erst einige Jahre später, und so hatte ich ihn aus Angst vor seiner Bestrafung angelogen.

Fortsetzung folgt…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

2 Kommentare zu „Mein Vater, der liebe Gott und ich – Teil 1

  1. Gutes Outen,
    ehrlich, frisch, fromm, fröhlich frei.
    Dein Vater wird es dir danken (in Gedanken)!
    Ich bin evangelisch frei erzogen und trotzdem mit der Kirche noch verbunden.
    Und über den aktuellen Papst ziehe ich meinen Hut. So einen Menschen braucht die Kirche.
    Nicht umsonst wird er in Englisch liebevoll `Franzy´ genannt.
    Mach weiter so. Ich bin gespannt auf deine `Kurzen´.
    LG
    Jürgen aus Loy 8PJP)

    Gefällt 1 Person

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