Brief an meinen Vater

Vor einem Jahr habe ich darüber geschrieben, warum ich blogge. Eine Satz ist mir dort beim Lesen besonders ins Auge gestochen:

„Ich schreibe NICHT, um mich zu therapieren. Wenn ich mich einem Thema zuwende, dann geschieht das darum, weil ich es für mich bereits geklärt habe.“

Generell stimmt das und doch muss ich diese Aussage ein wenig korrigieren resp. ergänzen. Bei der Verarbeitung des Todes meines Vaters hilft mir das Schreiben nämlich durchaus, die damit verbundenen Gefühle besser zu verarbeiten und zu verstehen.

Vor drei Tagen lag ich krank im Bett und hatte dementsprechend eine Menge Zeit, meinen Gedanken nachzuhängen. Ich möchte diese Gedanken festhalten und gebe sie in der Form eines Brief an meinen Vater wieder.

Der Brief

Lieber Papa

Ich weiss nicht, wie viele Tage seit dem 9. Mai dieses Jahres vergangen sind. Manchmal kommt es mir schon wie eine Ewigkeit vor, seit du gegangen bist. Doch gerade heute dünkt es mich, als wäre es erst gestern gewesen.

Seit deinem Tod ist kein Tag vergangen, kein einziger, an dem ich nicht an dich denken musste. Das ist nicht bloss eine leere Floskel. Natürlich denke ich nicht dauernd an dich. Aber es gibt ihn an jedem Tag mindesten ein Mal– den Augenblick, wo du mir in den Sinn kommst und mir, manchmal mehr, manchmal weniger schmerzlich, bewusst wird, dass du nicht mehr unter uns weilst. Nicht immer sind diese Momente mit Traurigkeit erfüllt. Heute schon. Schliesslich habe ich genügend Zeit nachzudenken. Und wenig Ablenkung. Trauerbewältigung, so nennt sich das wohl.

Du bist nicht mehr da. Zurückgelassen hast du viele Erinnerungen, eine Menge persönlicher Briefe – es sind vor allem Briefe an deine Frau und an deine Mutter. Hätte ich diese früher zu Gesicht bekommen, hätte ich deine Probleme und und deren Auswirkung auf dein Seelenwohl mit Sicherheit besser verstanden. Doch selbst im Nachhinein habe ich einige Antworten auf meine Fragen nach dem Warum gefunden. Geändert hätte es vermutlich eh nichts, da du dir schon immer selbst am nächsten warst und mich mit deinen Sorgen nie behelligt hast. Dafür bin ich übrigens sehr dankbar, denn Mama war in diesem Bereich nicht sonderlich rücksichtsvoll.

Als Kind warst du mein Fels in der Brandung. Vermutlich habe ich mich da klassisch Vater-Tochter-beziehungsmässig verhalten. Habe dich gar etwas zu sehr idealisiert. Heute im Hier und Jetzt spielt das aber gar keine so entscheidende Rolle mehr. Zumindest glaube ich das.

Es ist das eingetreten, wovor ich mich, bereits Jahre zuvor, wenn ich darüber nachgedacht habe, gefürchtet habe. Du bist früher gestorben als Mama. Die letzten drei Jahre wusste ich nicht, ob ich die Kraft haben werde, mich um sie und ihre Angelegenheiten zu kümmern, wenn du nicht mehr da bist. Was heisst hier Kraft, in Tat und Wahrheit geht es am Ende mehr darum, ob ich genügend Liebe in mir habe, mich dieser Aufgabe anzunehmen. In der Zwischenzeit ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, dass ich Mama im Pflegeheim besuche. Du hast mir nicht umsonst Werte wie Menschlichkeit und Nächstenliebe mit auf den Weg geben. Und glaube mir, es ist keine leichte Aufgabe.

Ich zeige ungern Schwäche. Ein Relikt aus früheren Zeiten. Doch in dieser Schwäche liegt ebenso eine verborgene Kraft, und es ist nichts, wofür man sich zu schämen bräuchte.

Es tut gut, dir diese Zeilen zu schreiben, auch wenn du sie niemals lesen wirst. Im Trubel und der Hektik des Alltags finde ich zu wenig Zeit und Muse, mich bewusst mit all diesen Gedanken und Gefühlen auseinanderzusetzen. Doch in solchen Momenten wie jetzt spüre ich, dass ich in der Trauerverarbeitung wieder ein Stück vorwärts gekommen bin. Das tut gut und ist gleichermassen tröstlich.

Lieber Papa, ich kann Tränen vergiessen, weil du gegangen bist. Aber vor allem kann ich lächeln, weil du gelebt hast und was du mir an Erinnerungen hinterlassen hast.

Deine Tochter Franziska

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

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