Die Kunst der Mentalisierung

Es gibt sie – Menschen, mit denen man immer wieder aneinander gerät. Sei es im Privaten beim Diskutieren oder sei es bei der Arbeit in einem Meeting. Immer vertreten sie vehement ihren Standpunkt und ihre Sicht der Dinge. Die eigene Meinung oder den eigenen Standpunkt zu reflektieren oder auf das Gegenüber und seine Meinung einzugehen – Fehlanzeige.

Diese Menschen sind nicht etwa böse oder haben einen schlechten Charakter. Was ihnen jedoch fehlt, ist eine Fähigkeit.

Mentalisierung

In der Psychologie gibt es den Begriff Mentalisierung. Darunter versteht man die Fähigkeit, das eigene Verhalten oder das Verhalten anderer Menschen durch Zuschreibung mentaler Zustände zu interpretieren. Mentale Zustände sind Vorstellungen, Gefühle, Sehnsüchte, Bedürfnisse, Ziele, Meinungen, Überzeugungen, Gedanken, Sichtweisen, Motive und Motivationen.

Es liegt in der menschlichen Natur, dass wir uns sehr oft selbst am nächsten sind. Im Zusammenleben mit anderen ist es jedoch unabdingbar, dass wir in der Lage sind, zu begreifen, dass es Menschen gibt, die anders denken, fühlen und handeln. Und dass wir in der Lage sind, nachzufragen, wenn wir etwas nicht verstehen. Viel Unheil könnte so vermieden werden.

Nicht alle Menschen besitzen diese Fähigkeit. Sie laufen daher Gefahr, sich ständig in Konflikte mit Mitmenschen zu verwickeln. Das führt sowohl privat als auch beruflich zu diversen Schwierigkeiten. Für diese Menschen ist es zudem schwierig, zufriedenstellende Beziehungen zu führen.

Ursache

Oft liegt der Ursprung dafür in traumatisierenden Erfahrungen, welche die Betroffenen im Kindesalter gemacht haben.

Um diese Fähigkeit zu lernen, braucht ein Kind feinfühlige und empathische Eltern (oder andere Bezugspersonen), die es verstehen, sich auf das Kind und seine innere Welt und die damit verbundenen Vorgänge einzulassen. So lernt ein Kind mit der Zeit zu begreifen, dass andere Menschen anders denken, fühlen und handeln als sie. Für das menschliche Zusammenleben und Miteinander sind das sehr wichtige Erfahrungen.

Denn wenn man diese Erfahrungen in der Kindheit nicht gemacht hat ist es schwer zu begreifen, dass Beziehungen nur dann funktionieren, wenn sie auf gemeinsamen Kompromissen und respektvoller Rücksichtnahme beruhen.

Die Folgen

Menschen, welche nicht über die Fähigkeit zur Mentalisierung verfügen, sind im Umgang für andere oft schwierig und anstrengend. Konflikte sind vorprogrammiert, da sie nicht in der Lage sind, sich in andere einzufühlen. Ihre Lücken füllen sie mit eigenen stereotypen Annahmen. Dass sie damit meistens falsch liegen, liegt auf der Hand. Konflikte und Missverständnisse sind die Folge ihres Verhaltens.

Die Vorteile

Wer meine Geschichte kennt, weiss – meine Eltern waren alles andere als feinfühlig und empathisch. Sie haben diese Eigenschaften ebenso wenig in ihrer Kindheit kennengelernt und waren deshalb nicht in der Lage, mir diese Fähigkeit zu vermitteln.

Die gute Nachricht: Was uns prägt, ist nicht nur die biografische Erfahrung. Persönlichkeit, Genetik, Begabungen und Bindungen an andere wichtige Bezugspersonen sind ebenso wichtige Variablen. Jedes Kind verarbeitet Probleme anders. Und jedes Kind nimmt Hilfsangebote unterschiedlich wahr, und nicht allen fällt es gleich leicht, diese anzunehmen.

Ich bin unglaublich dankbar, dass ich viele Menschen hatte, die sich als Kind sehr rührend um mich gekümmert haben. So habe ich trotz der Widrigkeiten meiner Kindheit gelernt, mich in andere hineinzuversetzen und meine eigenen als auch die unterschiedlichen mentalen Zustände von anderen Menschen zu interpretieren. Und natürlich kommen mir meine eigenen mentalen Zustände manchmal in die Quere. Oft schaffe ich den dafür benötigten Perspektivenwechsel erst im zweiten (manchmal erst im dritten) Anlauf, nachdem ich eine Situation nochmals Revue passieren habe lassen.

Menschen, die gut mentalisieren können, fällt es zudem leichter mit Kritik, Konflikten oder Aggression umzugehen, denn sie beziehen nicht gleich jeden persönlichen Angriff auf sich, weil sie dank dieser positiven Fähigkeit in der Lage sind, die Motive ihres Gegenübers zu erkennen. Auch in diesem Bereich habe ich manchmal so meine Schwierigkeiten. Mit dem Verstand erkenne ich zwar die Motive des Gegenübers, die eigenen (meist verletzten) Gefühle hinken aber einen Schritt hinterher.

Einige Konflikte und böse Worte hätten sich durch das Beherrschen dieser Fähigkeit durchaus vermeiden lassen.

Dies zu erkennen, ist ein erster Schritt. Das alleine reicht aber nicht. Wie bei allem, bedeutet Veränderung: üben, üben und nochmals üben.

Und ihr so? Kennt ihr Menschen, welche die Kunst der Mentalsierung beherrschen? Oder kennt ihr Menschen, denen die Fähigkeit, zu mentalisieren, fehlt?  Was habt ihr für Erfahrungen damit gemacht?

 

Quelle: Psychologie Heute 11/2015

Bildquelle: http://www.pixabay.com

 

 

 

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

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