Tod einer Liebe: Geringschätzung und Verachtung

Es gibt in Liebesbeziehungen Geschehnisse, die das sofortige Aus zur Folge haben können: Dazu zählen unter anderem Betrug und/oder Unehrlichkeit. Leider gibt es noch weitaus Schlimmeres – Missbrauch und Gewalt. Doch in diesem Artikel geht es nicht darum, sondern um eine Sache, die leider in vielen Beziehungen vorkommt.

Die oben genannten Gründe können für das Ende einer Liebe verantwortlich sein. Es ist zwar ein Ende mit Schrecken, die Gründe aber sind nachvollziehbar. Der offensichtlich Schuldige ist in solchen Fällen rasch gefunden. Bei genauerer Betrachtung ist das für die Betroffenen oft alles andere als einfach. Die Gründe sind nämlich häufig komplexer, als es für Aussenstehende vielleicht den Anschein macht. Wir alle machen Fehler. Die einen mehr, die anderen weniger. Diese Tatsache ist leider allzu menschlich und man kann sie nicht schönreden, geschweige denn schönschreiben. Fakt ist: am Ende einer Liebe gibt es selten einen Gewinner.

Der langsame Tod einer Liebe

Viel schlimmer ist meiner Erfahrung nach aber ist der langsame Tod einer Liebe. Doch wo fängt dieser an? Ist es das Ende von sexuellen Intimitäten? Der schwindende Verlust von Aufmerksamkeit? Mangelnde Achtsamkeit? Rückzug? Desinteresse?

– Man sieht nicht mehr, dass sich der Partner für das gemeinsame Date, sofern es dieses überhaupt noch gibt, extra Mühe gegeben hat.

– Man ist nicht mehr bereit, auf die Anliegen oder Probleme des Partners einzugehen. Sich immer wieder dieselbe Leier anzuhören.

– Man erzählt sich nichts mehr, igelt sich ein. Man denkt, der Partner hört einem ja doch nicht zu.

Was man früher geliebt hat, driftet nach und nach ab ins Gegenteil. Man sieht die guten Dinge nicht mehr, nimmt sie nicht mehr wahr. Alles wird irgendwie als selbstverständlich hingenommen und die einstmals vorhandene Wertschätzung nimmt laufend ab und verliert an Bedeutung.

Die Zeit wird es schon richten, denkt man vielleicht. Doch die Zeit ist hier kein wohlwollender Freund, sondern ein Feind, der es in sich hat. Denn die Schwierigkeiten schreiten fort und es kommt noch schlimmer.

Die obigen Beispiele kann man vielleicht am Besten mit dem Begriff der „Geringachtung“ umschreiben. Geringachtung ist jedoch die Vorstufe von Geringschätzung. Eine starke Geringschätzung kann wiederum in Verachtung umschlagen. Und das bedeutet über kurz oder lang, falls man die eingeschlichenen Muster nicht durchbricht, den Tod einer Liebe.

In der Regel aber ist die gegenseitige Verachtung ein schleichender Prozess, der oft nicht oder erst viel zu spät wahrgenommen wird. Wenn dies geschieht, schläft die Liebe nicht bloss ein, nein, sie schlägt um ins Gegenteil. Wer den Film „Der Rosenkrieg“ kennt, weiss wovon ich spreche.

Häufig kommen nämlich zur Verachtung noch Punkte wie ständiges Herumkritisieren, Blockieren und Rückzug dazu. Wenn man nicht bereit ist, an diesen Punkten zu arbeiten, bedeutet das für eine Beziehungen das sichere Aus.

Soweit muss es nicht kommen. Doch es ist wichtig, die Anzeichen zu erkennen. Am einfachsten gelingt das mit Achtsamkeit. Tja, hier ist sie wieder einmal, die wertvolle und hochgelobte Achtsamkeit, die in der Realität für viele Menschen eine echte Herausforderung ist, wenn man gewillt ist, etwas zum Besseren hin zu bewegen.

Die Sache mit der Achtsamkeit ist schon in Bezug auf sich selbst eine nicht ganz so einfache Angelegenheit. In der Partnerschaft ist es noch um einiges komplizierter und komplexer. Und es ist Arbeit. Beziehungsarbeit. Beziehungsachtsamkeitsarbeit, wenn man es so nennen will.

Damit ein solches Unterfangen gelingen kann, ist es wichtig, dass man der Beziehung überhaupt noch eine Chance geben möchte. Selbstkasteiung ist keine Lösung; diese Frage muss jeder Partner für sich mit einem „Ja“ beantworten können, sonst besteht nur geringe Hoffnung auf Besserung.

Danach muss man sich als Paar bewusst werden, dass etwas im Argen liegt. Das bedeutet, wahrzunehmen, ohne zu bewerten und zu deuten respektive zu verurteilen. Wenn das gelingt, ist das jedoch schon wertvoller und hilfreicher Schritt in eine bessere Zukunft.

Doch wie gesagt: der erste Schritt ist die Wahrnehmung, dass es ein Problem gibt und die Erkenntnis, dass sich dieses Problem nicht ohne beiderseitige Handlungen aus dem Weg räumen lässt.

„Kommt Zeit, kommt Rat“ ist bei dieser Art von Beziehungsproblemen definitiv kontraproduktiv.

Nicht nur in Beziehungen neigen wir Menschen dazu, uns vorschnell ein Urteil zu bilden. Wir glauben oft, die Problematik erkannt zu haben, unterliegen aber einem Irrtum, weil wir in unserer eigenen Wahrnehmung festgefahren sind. Man hat die Verantwortlichkeiten für die Schwierigkeiten bereits festgemacht und sich davon zu lösen und eine Situation neutral und nicht bewertend zu betrachten, ist für viele Menschen eine Herausforderung. Genau hier kann Achtsamkeit helfen, denn wir werden damit zum nicht wertenden, neutralen Beobachter einer Situation, eines Problems. Achtsam an ein Problem heranzugehen, bedeutet, dieses zu beschreiben, ohne zu werten oder gleich zu urteilen.

Ja, es braucht Kraft und es braucht Mut – den Mut genau hinzuhören und wenn nötig, nachzufassen und nicht auszuweichen. Auf den ersten Blick scheint es einfacher, sich zurückzuziehen, sich im Frust einzuigeln oder gar, sinnbildlich gesprochen, mit giftigen Pfeilen auf den Partner zu schiessen.

Bevor man sich nicht mehr in die Augen schauen kann und man nur noch Hass und Verachtung für den Partner empfindet und die Liebe als Scherbenhaufen am Boden liegt, sollte man sich vielleicht daran erinnern, was man sich einmal vorgenommen hat: In guten und in schlechten Zeiten.

In meinen Augen lohnt sich die Extra-Portion Aufmerksamkeit. Denn der Schleier der Gleichgültigkeit und/oder Verachtung trübt den Blick aufs Positive und zwar auf eine sehr ungesunde Art und Weise. Ihn durch Zuwendung zu lüften ist nicht das Allheilmittel, aber mit Sicherheit ein guter Anfang. Denn in jedem Menschen, in jeder Partnerschaft, ist das Gute vorhanden, man sieht es leider einfach nicht mehr, solange der Blick getrübt ist.

 

 

 

 

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

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