Was bleibt?

Gestern war ich am Grab meines Vaters. Ich gehe nicht jede Woche hin, obwohl ich mir das anfangs vorgenommen hatte. Ich habe aber festgestellt, dass ein Grabbesuch keine Frage der Routine ist. Deshalb besuche ich das Grab meines Vaters dann, wenn ich spüre, dass es mir gut tut. Es ist bisschen so, wie bei einem Ventil, das sonst am Überdrück zu explodieren droht. Und ich kann und will meiner Familie und Freunden nicht zumuten, dass ich mich nach dem Genuss eines guten Tropfen Weins in ein heulendes Elend verwandle.

Der Trauer muss man Raum und Zeit geben und der Friedhof ist dafür ein geeigneter Ort, um die Gefühle über den Verlust eines geliebten Menschen ungehemmt zuzulassen. Am Grab darf man in Tränen ausbrechen, ohne fragende Blicke zu kassieren.

Und das Ganze fernab von der Hektik des Alltags. Ich gehe gerne auf den Friedhof, der inmitten der Stadt liegt. Eine grüne Oase mit tausenden von blühenden Blumen. Ein Ort der Stille. Ein Ort des Friedens. Und ein Kontrast zum Leben, das rund um den Friedhof herum so herrlich erfrischend und wohltuend pulsiert. Das Leben und der Tod – sie gehen an diesem speziellen Ort Hand in Hand.

Es gibt ein Zitat, das besagt: „Streue Blumen im Leben, denn auf den Gräbern blühen sie vergeben.“ Diese Aussage stimmt für mich so nicht. Denn die Blumen blühen nicht für die Toten, sondern für die Lebenden.

Im Alltag habe ich irgendwie zu wenig Zeit für die Trauer. Das klingt vielleicht komisch, aber so ist es. Seit dem Tod meines Vaters sind schon fast drei Monate vergangen. Nach dem anfänglichen Schock, der etwa zwei Wochen angedauert hat, bin ich ziemlich rasch wieder der täglichen Routine verfallen. Drei Kinder, ein Mann, zwei Jobs und meine Mutter halten mich ganz schön auf Trab.

Eigentlich fragt mich kaum noch jemand, wie es mir geht und ob ich noch traurig bin. Vermutlich liegt es daran, dass man mir die Trauer nicht ansieht. Einige Menschen wissen vielleicht auch nicht, wie man mit dem Trauernden umgehen soll. Oder sie werden dabei mit Gefühlen konfrontiert, mit denen man sich lieber (noch) nicht auseinandersetzen möchte. Ich kann es auf alle Fälle nachvollziehen, denn mir erging es auch nicht anders.

Es ist Fakt, dass mein Vater dem Verlauf des Lebens gefolgt ist. Dem Ruf der Zeit. Der Tod im hohen Alter ist etwas Natürliches und es vereinfacht die Akzeptanz des Unwiederbringlichen.

Hast du dich schon mal als Spielball deines Schicksals betrachtet? Als hilflose Marionette in einer Aufführung, auf deren Handlung du keinerlei Einfluss hast?

Hoffentlich nicht. Denn das ist ganz und gar kein gutes Gefühl. Wirklich nicht. Auch ich habe mich noch nie so gefühlt und ich bin sehr dankbar dafür, denn ansonsten wäre mein Leben um ein Vielfaches schwieriger und belastender. Es gibt Menschen, die erstarren in ihrer Trauer und finden kaum mehr den Weg hinaus in ein unbeschwertes Leben.

Die letzten drei Monate waren nicht leicht für mich. Der Tod meines geliebten Vaters, meine Mutter, die von Januar bis Mai in einem absolut desolaten Zustand war. Doch im Moment geht es ihr den Umständen entsprechend gut. Gut heisst in diesem Fall, dass sie versteht, was man ihr auf einfache Weise erklärt und dass sie ihre Bedürfnisse und Anliegen selbständig in Worte fassen kann. Das erleichtert den Umgang mit ihr ungemein und ich bin sehr froh darüber.

Jeder Mensch verarbeitet den Verlust eines geliebten Menschen anders. Es gibt keine Regeln, wie man mit dem Gefühl der Trauer umzugehen hat und in welcher Phase man sich wie zu fühlen hat. Trauer ist ein Prozess, den jeder Mensch individuell meistern muss. Die Verarbeitung eines Verlusts braucht in jedem Fall Zeit.

Und genau diese Zeit muss man sich nehmen, denn sie gibt einem die Gewissheit, dass der Schmerz nachlässt. Stück für Stück. Bis das zurück bleibt, was wir Erinnerung nennen. Die Erinnerung an einen Menschen, den man sehr geliebt hat. Eine Erinnerung, die man im Herzen bei sich trägt und an die man gerne denkt. Im besten Fall mit einem Lächeln im Gesicht.

 

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

5 Kommentare zu „Was bleibt?

  1. Liebe Franziska,

    mein Vater verunglückte schon 1995 bei einem schweren Zugunglück tödlich. Ich war 27, er 57 Jahre alt.
    Ich war anfangs jede Woche am Grab.
    Um zu begreifen. Es gab keine Korrekturmöglichkeiten mehr für unsere Beziehung. Es war einfach so vorbei. Nie mehr konnte ich ihm jene Fragen stellen, die mich innerlich fast zerrissen hatten.

    Es hatte gedauert, bis es mir gelang zu verstehen. Bis ich Frieden Schloß mit dieser Endgültigkeit.

    Die Menschen können mit einem Trauernden allgemein schlecht umgehen.
    Einfach fragen: „Was brauchst Du?“
    Es ist doch gar nicht schwer. Der Trauernde wird es wissen und meist antwortet er auch – wenn er gefragt wird.
    Bei mir behaupteten böse Zungen: „Ja, was trauert sie denn? Sie hatte doch gar kein gutes Verhältnis zu ihm!?“
    Wie jetzt?
    Braucht die Liebe eines Kindes zum Elternteil ein festgeschriebenes Recht oder eine „gute Beziehung“?
    Gerade das ist doch das Wunderbare an DIESER Liebe. Sie ist nicht an Bedingungen geknüpft.
    Die meisten Menschen erfahren das. Irgendwann.

    Ach, Franziska, da wollte ich fragen:
    Wie geht es Dir?

    💜💙💛

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  2. Liebe Franziska,

    Dankeschön für diesen Beitrag über ein Tabuthema. Viele von uns kennen Trauer. Die wenigsten lassen diese zu. Noch weniger sprechen darüber. Die meisten gehen schnell in den Alltagsmodus zurück. Frei nach dem Motto: „Was soll ich machen? Es gehört zum Leben und es muss ja weiter gehen.“
    Dabei ist es so wichtig, die Trauer zu spüren, wahrzunehmen und dann anzunehmen.

    Ich schicke dir Kraft und schöne Momente.
    Herzlichst Jana

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  3. …Trauer kennt nun mal keine Zeit und vielleicht bleibt sie auch immer ein Stück weit bestehen, nicht nur als Erinnerung an den Menschen selbst, sondern eben auch an das, was man hinter sich lassen musste und verloren hat… Hab einen schönen Abend 🙂

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  4. Danke für Deine Zeilen. Es stimmt. Jeder Mensch trauert anders bzw. muss seine eigene Art zu trauern finden. So regelmäßig zum Grab zu gehen – vom Wunsch her – geht ja auch nur, wenn man in der Nähe wohnt. Nachdem meine Mutter im Winter gestorben ist habe ich versucht so viel wie möglich selbst zu machen (Trauerkarten etc.) und werde auch die Grabgestaltung selber machen. Wobei ich da froh bin, dass es bei dem Friedhof geht und ich Handlungsfreiheit habe. Da bin ich total dankbar für. Und nachdem die Wohnung aufgelöst war und ich zu mir nach Hause gefahren bin habe ich mir einen ‚Hab dich lieb‘ Roibuschtee gekauft, den ich in unregelmäßigen Abständen als Trauertee trinke. Hätte ich im Vorfeld nicht gedacht, dass es meine Art ist so zu trauern. Bei meinem Vater könnte es schon wieder anders aussehen.

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