Risse im Asphalt vs Risse in der Seele

Soeben bin ich durch meine Strasse gelaufen. Die Strasse, die zu meiner Wohnung führt. Vor gut elf Jahren war der Zugang noch nicht fertiggestellt und man musste die letzten Meter zum Haus auf Holzbrettern zurücklegen.

Die Strasse ist längst asphaltiert. Und die ersten Risse im Boden liessen nicht sonderlich lang auf sich warten. Solche Risse sind unvermeidbar. Risse, egal welche Breite oder Tiefe sie aufweisen, treten dort auf, wo Spannungen beim benutzen Material überschritten werden.

Heute wurden die Risse im Boden repariert. „Wenn man doch alle Risse so einfach und schnell reparieren könnte“, dachte ich beim Vorbeilaufen.

Und gleichzeitig blieb dieses Bild in meinem Kopf haften – das Bild der Risse – Risse im Asphalt versus Risse in der Seele.

Wir Menschen sind von Natur aus anfällig für Verletzungen jeglicher Art. Sowohl körperlich, als auch psychisch.

Äussere Verletzungen können wir mit blossem Auge wahrnehmen. Wir spüren den Schmerz, sehen die Wunde und das Blut, welches daraus hervorquillt. Bei so einer Verletzung zögern wir nicht und behandeln diese so rasch wie möglich. Wir verhindern damit, dass Bakterien in die Wunde eintreten und das Ganze zu einer Infektion ausartet.

Was aber ist mit den Verletzungen, die man nicht sieht? Verletzungen, bei denen kein Blut fliesst? Wie behandeln wir die Risse und Verletzungen unserer Seele?

Jeder mit gesundem Menschenverstand müsste jetzt auf dieselbe Antwort kommen: Man ist darauf bedacht, die seelische Verletzung so rasch wie möglich zu heilen.

In der Realität ist dem aber bei weitem nicht so. Viele Menschen leben jahrelang mit ihren seelischen Verletzungen. So werden die Risse in ihrem Innern zu einem Teil ihres Lebens.

Schweigen? Aushalten? Verdrängen?

Darauf hoffen, dass die Zeit alle Wunden heilt?

Genau das tun nämlich viele psychisch kranke Menschen.

In der Psychologie wird eine seelische Verletzung als Trauma oder Psychotrauma bezeichnet. Als Trauma kann sowohl das auslösende Ereignis aber auch die damit einhergehenden Symptome oder das innere Leiden, welches daraus hervorgeht, bezeichnet werden.

Wenn ich an die Risse im Asphalt denke, wird klar, dass solche seelischen Risse keine Chance auf Heilung haben, wenn sie nicht anständig „repariert“ werden. Im Gegenteil – die Risse werden im Laufe der Zeit immer grösser und tiefer. Wenn die Bedingungen gut sind, kann es durchaus sein, dass das innere Leiden über einen gewissen Zeitraum zum Stillstand kommt. Stagniert. Oft braucht es nicht viel, um den Leidensprozess wieder in Gang zu bringen. Wie eine klaffende Eiterwunde, ein Geschwür, das im Innern wuchert.

Ich denke bei diesen Bildern vor allem an die Seele meine Mutter. Dort sehe ich keine Risse, sondern eine Vulkanlandschaft. Ein aktiver Vulkan mit gewaltigen Explosionen, der immer wieder neue Krater zutage befördert und weite Teile der Seele mit Schutt und Asche bedeckt.

Im Gegensatz zur kranken Seele meiner Mutter sind Vulkane die meiste Zeit ihres Lebens friedlich und ruhig. Wenn sie ausbrechen, bringen sie jedoch Tod und Verderben. Doch selbst in der Asche kann neues Leben entstehen.

 

 

 

 

 

 

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

10 Kommentare zu „Risse im Asphalt vs Risse in der Seele

  1. Und auch die geflickten Risse im Asphalt sind immer davon bedroht, wieder aufzubrechen, weil sie letztlich nur abgedeckt werden und nicht wieder zusammenwachsen können. Weil Wasser in einen winzig kleinen Spalt dringen kann, durch Temperaturschwankungen den Spalt wieder vergrößert, etc.
    Mit Traumata kenne ich mich zugegebenermaßen nicht so gut aus wie mit Asphaltdecken, aber die Metapher scheint mir noch weiter zu tragen als du es schilderst – oder täusche ich mich da?

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  2. Ja, das stimmt durchaus. Die geflickten Risse sind im besten Fall wie Narben. Aber solche, die nicht mehr weh tun. Selbst bei miesem Wetter. Ich habe versucht, mich kurz zu halten. Aber den Vergleich könnte man ganz klar viel weiterspinnen. Auch die Sache mit dem Vulkan wäre ein ganz eigener Text. Mal schauen. Herzlich, Franziska

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  3. Sehr interessant dieser Artikel incl. Kommentare.
    Ich habe dazu allerdings mehr zu sagen, als möglich. Vor allem zu dem Vergleich `Risse im Asphalt´.
    Asphalt ist ja eine Straßendecke, die sehr viel befahren wird und zwar je glatter der Asphalt, desto schneller wird er befahren.
    Mit unsere Psyche ist das ähnlich. Nach außen hin glatt und angepasst, viel befahren von allen möglichen Fahrzeugen.
    Jede Asphaltdecke bekommt irgendwann Risse, vor allem im Winter. Je länger sie dann noch befahren wird, desto größer die Risse.
    Das ist für die Psyche ganz negativer Stress, und wenn da noch länger drauf rumgefahren wird, dann ist es Schluss mit lustig. Wir sind am Ende und keiner kann uns mehr befahren.
    Tiefe Depression, ohne Aussicht auf Besserung.
    LG
    PJP

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  4. Liebe Franziska
    wenn ich es könnte würde ich deiner Ma wünschen, dass auf_in der Asche ihrer Seele etwas neues entstehen könnte. Leider, denke ich, wird das nicht so sein. Vielleicht reicht die Zeit einfach nicht aus um auf der Seelenasche etwas neues entstehen zu lassen. Vielleicht hätte_bräuchte sie Hilfe die eventuell bei zu viel bedecktem Selbst_bedeckter Seele zu spät kommen würde. Manchmal ist es einfach zu spät und es Schmerzt sehr das zu Wissen_lesen.
    Vielleicht kann doch etwas neues_anderes noch entstehen, vielleicht in dem man nicht mehr nach dem früher sucht, sondern nach dem neuen das irgendwie als zartes Sie_Ma_Sein noch im Leben sein kann_darf. Irgendwo versteckt unter all dem Schutt und der Asche…

    Das Photo finde ich sehr schön, ist das von dir selbst?

    alles Liebe

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  5. Was meine Mutter anbelangt habe ich die gleiche Befürchtung wie du. Das würde schon beinahe an ein Wunder grenzen. Ja, das Foto ist von mir. Aufgenommen auf der Reise von Johannesburg zum Kruger Nationalpark. Herzlich, Franziska

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  6. Lieber Pete. Ja, ohne Seelenheil wird der Schmerz leider immer schlimmer. Das ist für die Betroffenen kaum auszuhalten. Die Seele ist in der Tat ein stark befahrenes Pflaster – vom ersten Atemzug an. Oder vielleicht sogar schon davor. Herzlich, Franziska

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