Meine Eltern – Ein Drama in vielen Akten

Ich habe mich entschieden, erst nächste Woche den zweiten Teil über meine Zeit als Pflegekind zu schreiben, weil mir gestern etwas dazwischen gekommen ist, über das ich unbedingt berichten möchte – ein Besuch bei meinen Eltern im Altersheim:

Schon beim Betreten des Altersheims kann ich es riechen. Kann ich sie riechen. Es ekelt mich. Ich verziehe das Gesicht und wundere mich einmal mehr, dass die Bewohner des Altersheims in ihren Zimmern rauchen dürfen. Es stinkt. Und zwar grauenhaft, wie ich finde. Es stinkt nach den Zigarillos (kleine Zigarren) meines Vaters. Selbst im Erdgeschoss ist der unverkennbare Geruch wahrnehmbar. Und das, obwohl meine Eltern im 5. Stock wohnen. Das ist nicht nur mir aufgefallen, sondern auch anderen Besuchern des Altersheims. Darauf hin hat das Personal in und vor der Wohnungstüre meiner Eltern eine Duftinstallation montiert, die in regelmässigen Abständen parfümierte Luft in die Luft sprüht. Das Duftgemisch aus Parfüm und abgestandenem Rauch hat die Sache jedoch nicht verbessert, sondern verschlimmert. Ich habe ein feines Riechorgan und die Kombination aus diesen beiden Gerüchen, kehrt mir beinahe den Magen um.

Heute ist es sogar noch schlimmer als sonst. Ich betrete den Fahrstuhl und drücke den Knopf, um ins 5. Stockwerk zu fahren. Der monatliche Besuch bei meinen Eltern steht an. Einkaufen, die Post sortieren, Rechnungen bezahlen. Die Fenster aufreissen, um die Wohnung zu lüften. Schon im Lift vernehme ich Schreie. Als in die Etagentüre öffne, steht meine Mutter im Gang und schreit. Bevor ich noch richtig reagieren kann, kommt schon eine Pflegerin, nimmt sie am Arm und bugsiert sie zurück ins Zimmer. „Gut, dass sie da sind. Gleich kommt nämlich der Psychiater.“

„Gut, dass ich da bin???“ In mir verkrampft sich alles. Mein greisenhafter Vater, bleich und eingefallen im Rollstuhl sitzend. Er wirkt auf mich traurig und hilflos. Meine schreiende Mutter, die sich kaum beruhigen lässt. Und der Gestank. Ich will eigentlich nur eines – fluchtartig die Szenerie verlassen. Aber subito. Mein Brustkorb fühlt sich unangenehm eng an. Ich spüre, wie sich Tränen in meinen Augen sammeln und schaffe es, sie zurückzuhalten.

Der Psychiater kommt und versucht, mit meiner Mutter ein Gespräch zu führen. Ein unmögliches Unterfangen. Das hätte ich ihm schon vorher sagen können. Er fragt nach ihrem Befinden, was sie belastet. Meine Annahme bestätigt sich. Lediglich auf die Frage, was sie denn brauche, antwortete sie: „Ich will auch Nachts rauchen können.“

Während dieses Gesprächs bin ich im Zimmer nebenan und sortiere die Post. Der Psychiater kommt jetzt zu mir und teilt mir mit, dass das Gespräch mit meiner Mutter nichts ergeben habe. Viel könne er leider auch nicht machen. Ausser die Medikamente prüfen und neu einstellen. Auch das ist nichts Neues und wird, wenn überhaupt, nur kurzfristig Besserung bringen.

Grund für seinen heutigen Besuch war, dass sich meine Mutter gegenüber meinem Vater aggressiv verhält. Nicht nur verbal. Sie attackiert ihn seit gut vier Wochen täglich mit Fäusten und schlägt ihn. Auch ins Gesicht. Mein Vater erträgt das mit Demut. So wie er alles mit Demut ertragen hat. Schon früher. Für mich unvorstellbar. Aber meine Eltern waren schon immer ein merkwürdiges Gespann. Das wird sich auch jetzt im hohen Alter nicht ändern. „Merkwürdig“ ist nicht der richtige Ausdruck. Ich will jedoch, soweit es die Situation zulässt, respektvoll bleiben. Die Bürde, welche meine Eltern zu tragen haben, lastet schon schwer genug.

Die Geschichte meiner Eltern ist ein Drama in vielen Akten. Zu vielen Akten. Ein Drama, das, so scheint es, kein Ende nehmen will. In diesem Moment verfluche ich die moderne Medizin.

Ich selber liebe Dramen und Tragödien. In Filmen oder in Büchern. Aber im wahren Leben mag ich es, mich bis zu einem gewissen Grad (emotional) zu langweilen. Das Leben ist manchmal recht öde, ich habe jedoch nichts dagegen. Auf die emotionalen Achterbahnfahrten verzichte ich dankend – ich erlebte das zur Genüge.

Wie viel Leid vermag ein Mensch eigentlich zu ertragen? Verdammt viel, wie ich weiss. Meine Eltern sind dafür die besten lebenden Beispiele.

Es ist ja nicht so, dass meine Eltern auf Teufel komm raus zusammenleben müssen. Es bestünde die Möglichkeit, dass jeder eine eigene Wohnung respektive ein Zimmer im Altersheim hat. Aber mein Vater will das nicht. Ich konnte seine Entscheidungen diesbezüglich noch nie nachvollziehen. In guten und in schlechten Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet. Für meinen Vater ist das die Realität und er wird diese bis zum bitteren Ende durchziehen.

Es ist seine Entscheidung. Ihre Entscheidung. Nicht meine. Es hat ein Weilchen gedauert, bis ich das innerlich verstanden und akzeptiert habe. Der Weg zur eigenen Abgrenzung war nicht einfach und gerade in solchen Situationen spüre ich, wie unglaublich wichtig dieser Punkt ist.

Meine Eltern leben im Altersheim und es gibt dort genügend Menschen, die sich um sie kümmern (müssen). Ich muss sie nicht pflegen und auch für ihre psychischen Belange gibt es dort Fachpersonen. Ich weiss, es dauert jetzt ein paar Tage, bis ich das Bild meiner schreienden Mutter wieder aus dem Kopf kriege. Aber solche Bilder hat es in meinem Leben schon immer gegeben. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Sie gehören zu – jedoch nicht IN mein Leben.

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

3 Kommentare zu „Meine Eltern – Ein Drama in vielen Akten

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