Wenn Zwänge ein Leben beherrschen / Teil 2

All das, was ich im ersten Teil über die Zwänge meiner Mutter geschrieben habe, war nichts im Vergleich zu heute. Meine Mutter lebt im Pflegeheim. Ihr ganzer Tagesablauf wird von ihren Zwangshandlungen dominiert. Oder umgekehrt – ihre Zwangshandlungen dominieren ihren Tagesablauf. Es ist so extrem, dass es mit gesundem Menschenverstand schwer zu begreifen ist.

Und doch ist mir das zwanghafte Verhalten lieber, als ein aggressives. Im Altersheim gab es nämlich eine Zeit, da hatte sie keine Zwänge. Zumindest keine, die ich wahrnehmen konnte. In dieser Zeit war sie jedoch so aggressiv, dass sogar Fremdgefährdung bestand und sie deswegen in die Psychiatrische Uniklinik eingewiesen werden musste. Damals war vor allem mein Vater der Leidtragende.Die Würde eines Menschen

Ein weiterer und sehr wichtiger Punkt: Die Würde. Auch wenn es sehr schwer mitanzusehen ist, wie meine Mutter ihren Zwängen unterliegt, hat das, was sie tut, keinen Einfluss auf ihre Würde. Zumindest aus meiner Sicht als Angehörige. Und auf dieser Abteilung im Pflegeheim ist Würde nicht selbstverständlich gegeben, da es dort den meisten Patienten schwerfällt, ihren Wunsch nach Würde und ihre Vorstellung davon anderen gegenüber auszudrücken.

Zwang, Zwang, Zwang

Vielleicht gibt meine Schilderung über das zwanghafte Verhalten meiner Mutter einen kleinen Einblick. Wenn ich meine Mutter besuche, bin ich für eine halbe Stunde Teil ihrer Zwangshandlungen. Ich werde integriert. Es ist wie früher, nur dass ich mir der Mechanismen durchaus bewusst bin. Es ist traurig, aber wahr – eine andere Verbindung zu meiner Mutter gibt es nicht mehr.

Es gibt drei Orte, wo ich meine Mutter anzutreffen ist, wenn ich zu Besuch komme.

  • im Bett
  • im Raucherraum
  • vor dem Schwesternzimmer

Ich fange damit an, dass ich sie im Bett vorfinde. Kaum habe ich das Zimmer betreten und sie begrüsst, zieht sie ihr Gebiss und ihre Brille an und quält sich aus dem Bett. „Rauchen, komm wir gehen rauchen.“ Wenn ich Glück habe, sagt sie „Hallo“, das ist aber die Ausnahme. Ich helfe ihr so gut es geht auf die Beine und halte ihr die Türe auf. Dann läuft sie mithilfe ihres Rollators zum Schwesternzimmer und holt sich eine Zigarette und ein Feuerzeug. Weiter geht’s zum Raucherraum. Wobei die Bezeichnung „Raum“ trifft es nicht genau. Es ist ein winziges Zimmerchen mit zwei Stühlen und einem kleinen Tischchen drin. Das Fenster lässt sich nur gerade einen winzig kleinen Spalt breit öffnen. Zu gross ist die Gefahr, dass sich jemand etwas antun könnte. Wenn ich einmal nicht rauchen möchte, wird sie ganz unruhig. „Du musst rauchen, rauchen, rauchen.“ Meistens schaffe ich zwei Züge, denn in diesem Raum hat man in einer Minute eine Tagesration Nikotin eingeatmet. Dann löscht sie ihre Zigarette im Aschenbecher, der auf dem Tischchen steht. Dann nimmt sie diesen Aschenbecher und leert den Inhalt in einen Aschenbecher um, der an die Wand geschraubt ist. Meistens geht alles daneben. Dann geht’s zurück zum Schwesternzimmer, wo sie das Feuerzeug wieder abgibt. Zurück in ihr Zimmer. Ich hinterher. Dort quält sie sich mit meiner Hilfe ins Bett zurück, nimmt das Gebiss raus und legt die Brille neben sich ins Bett. Endlich, sie liegt. Doch keineswegs entspannt. Denn es dauert knappe zwei Minuten, und das ganze Prozedere geht von Vorne los.

Gebiss rein, Brille anziehen, sich aus dem Bett quälen, zum Schwesternzimmer, Zigaretten und Feuerzeug holen, rauchen, Aschenbecher 1 in Aschenbecher 2 umleeren. Aufstehen. Feuerzeug abgeben. Ins Zimmer. Ins Bett. Gebiss raus, Brille ausziehen. Hinlegen.

Und wieder von Vorne. Immer und immer wieder. Tag für Tag. Woche für Woche. Monat für Monat. Dieses zwanghaft Verhalten mitansehen zu müssen, ist schwer zu ertragen, auch wenn ich ihr zwanghaftes Verhalten längst akzeptiert habe.

Warum sie es tut, weiss ich nicht, leider kann sie sich dazu nicht äussern. Sind es Ängste? Ist es die Trauer über den Tod meines Vaters? Welche Gedanken quälen sie derart, dass ihr Zwang ihr ganzes Sein in Anspruch nimmt?

Ich habe schon mehrfach versucht, sie dazu zu bringen, wenigstens das „Sich-ins-Bett-quälen“ auszulassen, da dies offensichtlich mit starken körperlichen Schmerzen verbunden ist.

Keine Chance. Ihre Antwort: „Ich muss, ich muss, ich muss“.

 

Bildquelle: http://www.pixabay.com

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

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