Keine Bagatelle – Wenn Eltern schlagen / Teil 1

Meine Eltern haben mich als Kind geschlagen. Nicht nur mit der Hand. Zum Einsatz kamen auch Gürtel und Teppichklopfer.

Erstaunlicherweise hat mich diese Tatsache nie besonders stark belastet. Mein Vater schlug mich, um mich für ein „Fehlverhalten“ zu bestrafen. Bestrafung in Form von Schlägen gehörte für ihn zu seinem Erziehungskonzept und war in seinen Augen völlig normal. Es sei zu meinem Besten, sagte mein Vater oft. So dachten in den 70er-Jahren noch viele, obwohl das antiautoritäre Erziehungskonzept bereits im Kommen war.

Meine Mutter schlug mich vor allem dann, wenn sie getrunken hatte. Bei ihr war es nicht Teil eines Erziehungskonzepts sondern die Auswirkungen ihrer Krankheit und ihrer Alkohol- und Tablettensucht. Das Unberechenbare und Impulsive daran haben mir um einiges mehr zu schaffen gemacht, als die gezielt zur Bestrafung eingesetzten Schläge meines Vaters.

Eine Bagatelle?

Vielen Erwachsenen in meinem Alter erging es als Kind ebenso. Zu meiner Zeit war die körperliche Bestrafung noch nicht so verpönt, wie dies heute Gott sei Dank der Fall ist. Und doch wird auch heute noch viel zu oft geschlagen. Ohrfeigen als Form der Bestrafung sind für Eltern als Erziehungsmittel in der Schweiz nicht verboten. Eine Tatsache, die ich eigentlich kaum glauben kann. Und doch ist es so.

Ich glaube, der erste Satz im zweiten Abschnitt ist typisch für viele Erwachsene, die als Kinder geschlagen wurden. Man neigt tatsächlich dazu, die Thematik zu bagatellisieren. Ich spreche da aus eigener Erfahrung.

„Es hat mir schliesslich nicht geschadet“ oder „Ich wusste ja immer, mit welchen Konsequenzen ich zu rechnen hatte“ sind nur wenige Beispiele, die dies deutlich zeigen.

Doch wenn man genauer hinschaut, und das tue ich, sieht die Wahrheit anders aus.

Ich sehe das anders

Menschen, die als Kinder geschlagen wurden, haben oft Schwierigkeiten im späteren Leben. Manch einem ist dies gar nicht bewusst.

Vielen fällt es schwer, anderen zu vertrauen. Vor Beziehungen haben sie häufig Angst, weil sie befürchten, sich wieder hilflos oder alleine zu fühlen. Als geschlagenes Kind lernt man: Es geht um Macht. Und die gehört dem Stärkeren. Falls ein Kind sein Verhalten ändert, tut es dies aus Angst und nicht deshalb, weil es etwas gelernt hat. Und das ist nicht Sinn und Zweck von Erziehung. Zudem ist man einem höheren Risiko ausgesetzt, die eigenen Kinder später ebenfalls zu schlagen. Die Gefahr steigt, je weniger man sich als Betroffene respektive als Betroffener mit der Thematik und den damit verbundenen Gefühlen auseinandergesetzt hat.

Ein Tabuthema

Als Erwachsener möchte man eigentlich gar nicht darüber sprechen, dass man als Kind regelmässig geschlagen wurde. Sei es aus Scham oder aus Respekt gegenüber den Eltern. Vielleicht mit einem Therapeuten oder den engsten Freunden. Auch ich habe schon mehrfach hin und her überlegt, ob ich dieses Thema im Blog aufgreifen und thematisieren möchte oder ob ich es besser bleiben lasse. Wie ihr seht, habe ich mich für die erste Variante entschieden, obwohl es mir einiges an Mut und Überwindung abverlangt.

Hör zu

Man muss oft sehr genau hinhören, wenn jemand von dieser Art von Erziehung erzählt. Man möchte es nicht aussprechen, denn irgendwie ist es nicht vereinbar mit dem „guten“ Bild, das sich viele von ihren Eltern wünschen und sich dann auch irgendwie zurechtbiegen. Und so umschreibt man es halt, das macht die Sache auf den ersten Blick einfacher: „Mein Vater war schon sehr autoritär“, hört man dann zuweilen Sätze, bei denen zumindest ich sehr hellhörig werde.

Fortsetzung folgt…

PS: Ich freue mich, wenn hier jemand seine Erfahrungen oder seine Gedanken zu diesem Thema einbringen möchte. Ein Wandel in der Gesellschaft kommt nämlich nur dann zustande, wenn man solche Themen nicht todschweigt.

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

9 Kommentare zu „Keine Bagatelle – Wenn Eltern schlagen / Teil 1

  1. Ich wurde nie so richtig geschlagen. Meine Ohrfeigen, die ich hin und wieder erhalten habe, waren seltenst nicht gerechtfertigt. Klingt jetzt vielleicht blöde, aber wenn ich das heute nochmals so Revue passieren lasse, habe ich oft soweit provoziert, dass manchmal es keinen anderen Weg gab. Die Klatsche war praktisch dann der „Schlusspunkt“. Und danach war wieder gut. Soll jetzt aber nicht heissen, dass ich ein Befürworter von Schlägen bin.

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  2. Ich finde es gut, dass du das Thema aufgreifst. Schlagen ist, in meinen Augen, ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Ich bringe meinem Kind damit nichts bei. Außer, dass Schlagen in Ordnung ist, wenn man sich anders nicht zu helfen weiß. Und das möchte ich nicht. Ich möchte von niemandem geschlagen werden, also schlage ich auch niemanden. Ganz einfache Rechnung. Unsere vierjährige Tochter hat mich schon oft an den Rand der Verzweiflung gebracht, aber es gibt hier keine „Klapse“, Schläge oder sonstwas. Nicht einmal Strafen. Ich denke, das ist eine Grundhaltung und hat auch immer ein bisschen damit zu tun, wie man selbst sozialisiert wurde und welches Menschenbild man entwickelt und für richtig empfindet.

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  3. Hallo Fransizka,

    in unsrer Kindheit gab es nicht nur Schläge, sondern vielfältige Gewalt. Stark belastet hat es schon, aber man kam weder rechts noch links dran vorbei. Schläge gab es mindestens einmal pro Woche, meist am Sonntag weil er sonst wohl zu müde war. Wir haben uns immer auf die Wochenenden gefreut. Aber es konnte auch einfach so passieren, aus heiterem Himmel. Man war nie sicher, es gab kein mögliches Verhalten, welches die Strafaktionen hätte verhindern können. Meist musste man sich bei diesen Aktionen ganz entkleiden, hinterher gab es wenn das Ergebnis zufriedenstellend war eine Entschuldigung vom Schulsport, damit dass keiner sieht.

    Zwei meiner Geschwister haben die Kurve nicht mehr gekriegt, ein Geschwister ist ermordet worden und ein zweites hat nach 12 Jahren als Drehtürpatient Suizid begangen. Wo wir selbst stehen wissen wir nicht, wir kämpfen nach mehreren Jahrzehnten noch immer mit den Auswirkungen dieser Kindheit.

    Er selbst war in einer Nazi- Ordensburg und danach im katholischem Waisenhaus erzogen worden. Wir selbst sollten es besser haben. Das Hintergrundwissens hilft wenig, dass irgendwie anzunehmen und einen Punkt dahinter zu setzen.

    Gestern wird oft heute.

    l.g. sternenstaub

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  4. Uff, das alles war und ist nicht leicht zu ertragen. Ja, das wissen allein hilft leider nicht, es selber besser zu machen. Ich denke es liegt an uns, die Weichen neu zu stellen und der Vergangenheit den Rücken zuzukehren. Ich wünsche dir alles Gute und weiterhin viel Kraft. Liebe Grüsse, Franziska

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  5. Es ist nicht blöde sondern eher typisch, dass man als Erwachsener die Ohrfeigen oder Schläge sogar als gerechtfertigt empfindet. Selbst wenn man als Kind seine Eltern bis aufs Blut provoziert, sind Schläge oder Ohrfeigen nicht in Ordnung. Auch dann nicht, wenn damit ein Schlusspunkt gesetzt wird. Aber ja, Elternsein ist tatsächlich eine Aufgabe, die einem manchmal sehr stark fordert. Jeder muss da seinen Weg finden. Liebe Grüsse, Franziska

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  6. liebe franziska
    ich wurde als kind nicht geschlagen, aber ich habe ab und zu auf den popo und später ab und zu mal eine ohrfeige kassiert. und ich finde es war richtig. ich wusste genau was ich tat und was passiert wenn ich nicht aufhöre. ich finde die heutige entwicklung bezüglich erziehungsmethoden nicht immer gut. es gibt kinder die können problemlos antiautoritär erzogen werden da sie für dies empfänglich sind, andere wiederum nicht, diese brauchen klare grenzen.
    du hast vor kurzem von halloween geschrieben und dich gefragt weshalb dieser so populär geworden ist bei uns. ich denke es könnte auch mit dem verbot des schulsilvesters zu tun haben. früher konnten die kinder an diesem tag sich austoben und unfug treiben. heute ist er verboten weill jugendliche immer mehr sachen mutwilig zerstört haben. jugendliche die nicht wissen wann es genug ist und wissen sie werden nie wirklich die konsequenzen dafür tragen was sie tun.
    Früher war ein lehrer/polizist/etc. noch eine respektsperson, heute nicht mehr. daher finde ich es sollte unterschidliche erziehungsmethoden geben. je nach kind. denn die gleiche erziehung wirkt nicht bei jedem kind gleich. dies weiss ich aus eigener erfahrung und durch beobachtungen in meinem umfeld.
    kinder sollen nicht geschlagen werden, aber ein „hier-ist-stop“ klapps finde ich in ordnung.

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  7. Wenn es um die Frage geht, was noch okay ist und wann es sich um „Schlagen“ handelt, finde ich es hilfreich, mir vorzustellen, ich hätte einen Erwachsenen vor mir.
    Mein Partner geht mir auf die Nerven. Er tut nicht, worum ich ihn mehrmals gebeten habe. Er sieht einfach nicht ein, dass in dieser Frage ICH Recht habe.
    Ob eine Ohrfeige angebracht wäre?
    Und falls nicht: Warum dann bei einem Kind?

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