Psychisch krank: nothing to worry about?

Hätte ich das Leben und den Alltag meiner psychisch kranken Mutter in Bildern festhalten, wäre dies ziemlich verstörend. Mir reichen die Bilder in meiner Erinnerung völlig. Es gibt aber Menschen, die machen genau das. Melissa Spitz, Fotografin, 27 Jahre alt, ist eine davon. Auf der Website und dem Instagram Account „nothing_to_worry_about“ von Melissa findet man Bilder ihrer Mutter, welche die psychische Erkrankung und ihre Auswirkungen dokumentieren. Es sind Bilder, die mir unter die Haut gehen und gleichzeitig mein Herz berühren. Und zwar darum, weil mir vieles davon bekannt vorkommt, ja sogar vertraut scheint. Der Gesichtsausdruck ihrer Mutter, die Zigaretten, die Brandlöcher in der Decke, die Tabletten…um nur einige wenige davon zu nennen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass Melissa Spitz mit ihren Bildern nicht nur auf positive Resonanz gestossen ist. Die meisten solcher Familiengeschichten spielen sich nämlich hinter verschlossenen Türen ab. Bei mir zuhause war das ebenfalls so.

Auch ich schreibe auf meinem Blog immer wieder Beiträge über meine psychisch kranke Mutter. Das ist nicht einfach und ich habe mir gerade zu Beginn lange überlegt, ob das richtig ist oder ob ich damit eine Grenze überschreite. Und wenn ja, welche? Loyalität? Respekt? Achtung? Gebe ich meine Mutter gar der Lächerlichkeit preis?

Für die einen mag das so sein, doch für mich war es eine Notwendigkeit, denn es gibt leider viel zu viele Menschen, die sich mit einem ähnlichen Schicksal alleine fühlen. Mit einer psychischen Krankheit geht niemand gerne hausieren, weder als Betroffener noch als Angehöriger.

Als Angehörige eines psychischen kranken Menschen ist man aber unmittelbar von der Erkrankung betroffen, ob man will oder nicht. Selbst wenn man es schafft, die notwendige Distanz zu finden, kann man sich nie voll und ganz davon befreien. Die Fäden der Verbundenheit mögen noch so fein sein und auch wenn man sie von blossem Auge kaum wahrnehmen kann, sind sie doch da.

Es gibt immer mehr Menschen, die auf ihren Blogs oder ihren Accounts den Mantel der Scham und Verschwiegenheit lüften. In meinen Augen tragen sie durch ihre Offenheit und ihren Mut dazu bei, dass die Stigmatisierung psychisch erkrankter Menschen verringert wird. Zumindest ist das meine grosse Hoffnung.

Im Fall von Melissa Spitz und ihrer psychisch kranken Mutter wird zudem einem weiteren und ebenso wichtigen Aspekt Rechnung getragen: Angehörige sind immer auch Betroffene. Selbst dann, wenn sie als fotografierende Beobachter eine Szene für die mediale Welt festhalten.

Bild: http://www.pixabay.com

 

 

 

 

 

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

4 Kommentare zu „Psychisch krank: nothing to worry about?

  1. Mir wäre das zu krass durch die Fotografien immer wieder daran erinnert zu werden. In den schlimmsten Zeiten habe ich Tagebuch geführt. Wenn ich zwischendurch denke, dass es doch nicht so schlimm war lese ich nach und werde eines besseren belehrt. Selbst die Angehörigengruppe war je nach Situation eine Herausforderung. Manchmal tat es gut, dass erlebte zu teilen und von anderen zu hören. Und es gab Tage da war es zu viel so viel Leid zu hören.

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  2. Das Problem hierzulande ist doch, dass vor allem alte Menschen mit psychischen Störungen möglichst schnell `weggesperrt´ werden. Vor allem auch bei Altersdemenz.
    Früher gab`s das nicht. Scham und Verschwiegenheit ist doch `Scheiße´.
    Ich muss das aus meinem Erfahrungsbereich mal so deutlich aussprechen…mehr nicht!
    Schönes Wochenende mit hoffentlich mehr Sonne!!
    Jürgen aus Loy (PJP)

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