Nackte Tatsachen

Zwanzig Minuten können verdammt lange sein. Zwanzig Minuten nackt vor dem Spiegel – ein Selbstexperiment. Vor gut einem Jahr besuchte ich ein Seminar zum Thema „Sex, Lust & Frust“. Klingt spannend? Ja, das war es auch.

Es ist Zeit für die Wahrheit, die nackte Wahrheit.

Wieso fällt es so vielen Menschen schwer, sich so zu akzeptieren, wie sie sind? Auch mit den Mängeln. Innerlich wie äusserlich. Wie heisst es doch so schön: „Die Liebe zu sich selbst ist Voraussetzung für die Liebe zu Anderen.“ Oder zumindest so ähnlich.

Eine der Annahmen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen war, dass gerade Frauen häufig eine (zu) negative Einstellung gegenüber ihrem Körper haben. Oft schämen sich die Frauen deswegen sogar und haben Hemmungen, sich dem Partner nackt zu zeigen, geschweige denn sich selbst ausgezogen im Spiegel zu betrachten. Wenn man die ganze Zeit darüber nachdenkt, welche Mängel man hat, kann das zu Unzufriedenheit und langfristig sogar zu einem frustrierten Sexualleben führen.

Diejenigen Männer, mit denen ich schon über dieses Thema gesprochen habe, bestätigen mir, dass eine Frau nicht perfekt sein muss, um begehrenswert zu sein. Es geht sogar soweit, dass Männer erst auf die Problemzonen ihrer Partnerinnen aufmerksam werden, weil diese die ganze Zeit darüber sprechen und sich ärgern.

Am Ende des ersten Seminartages bekamen wir dann eine kleine Hausaufgabe. Wir sollten uns zwanzig Minuten nackt vor einen Spiegel stellen und uns einfach anschauen und darauf achten, was uns dabei für Gedanken durch den Kopf gehen.

Ich habe den Blick in den Spiegel auf mich selbst genau fünf Minuten „ausgehalten“ und die Übung dann abgebrochen. Als ich heute wieder einmal dachte, dass ich mit mir und meinem Aussehen eigentlich sehr zufrieden sein kann und es total dämlich ist, sich an seinen (sogenannten, oft selbst eingeredeten) Makeln fest zu beissen, ist mir die Spiegelübung wieder in den Sinn gekommen.

Vorgenommen – umgesetzt.

Sich auszuziehen und ungeschminkt vor den Spiegel zu stellen fühlt sich im ersten Moment irgendwie komisch an. Zumindest ein bisschen. Sich von oben bis unten zu betrachten, ganz bewusst den Blick auf mich gerichtet, ist mir sogar fast ein bisschen peinlich.

Doch ich glaube nun einmal daran, dass die Sache mit der Selbstliebe nur dann klappt, wenn man ehrlich ist. Absolut ehrlich zu sich selbst. Ungefiltert, nicht bearbeitet, nicht verzerrt.

Sehen, was tatsächlich ist (Grösse, Haar- und Augenfarbe, etc.)

Sehen, was wir akzeptieren können

Sehen, was wir (noch) nicht akzeptieren können

Sehen, was wir nicht akzeptieren können.

Und all das einschliesslich der Gedanken und Gefühle, die wir gegenüber unseren Problemzonen und Eigenschaften haben.

Also los, runter mit den Klamotten.

Hier ein paar Gedanken, welche mir dabei durch den Kopf geschossen sind:

-Mein Gott, du bist wirklich nicht mehr zwanzig.

– Ist das da am Bauch überschüssige Haut oder kann ich das weg trainieren?

– Ich muss mindestens drei Kilo abnehmen. Mindestens.

– Was sind das hinten an den Beinen für komische Flecken? Die Sache mit der Selbstbräunungscrème war vielleicht doch keine so gute Idee…

– Erst drei Minuten rum. Uff. Also zehn Minuten sind das Mindeste. Ich schaff das!

– Ist dieses Muttermal neu? Wie viele hab ich eigentlich davon? Ich könnte ja mal alle zählen, dann vergehen diese vermaledeiten zwanzig Minuten sicher wie im Flug.

– Mehr Tattoos! Wenn das doch nur nicht so schweineteuer wäre. Aber doch, mehr Tattoos.

– Uups, auch Silikon kann sich der Schwerkraft nicht widersetzen.

– Meine Narben am Bauch – wirklich eine stümperhafte Arbeit. Grauenhaft. Hätte die eigentlich verklagen sollen.

– Die ersten fünf Minuten geschafft. Jetzt nur nicht aufgeben.

– Aber du willst doch darüber schreiben, also reiss dich bloss zusammen.

– Gott sei Dank habe ich mir keinen Selbstbräuner ins Gesicht geschmiert. Lucky me.

– Nachher Augenbrauen nachzupfen.

– Scheiss Couperose.

– Muss wirklich etwas abnehmen. Von wegen Bikinifigur.

– Yep, die neue Nachtcrème scheint doch ganz gut zu sein.

– Fingernägel neu lackieren.

– Keine Augenringe, keine Tränensäcke. Genug Schlaf ist wirklich Gold wert.

– Also meine Beine sind noch tiptop in Form.

– Und der Po? Nicht mehr ganz so straff wie früher. Aber durchaus noch ok.

– Soll ich meine Erfahrungen aus diesem Experiment wirklich in meinem Blog posten? Too much information? Oder lass ich es besser bleiben?

– Jupiiee, Halbzeit vorbei!

– Ich liebe meinen Kurzhaarschnitt. Passt perfekt zu mir. Muss bald wieder zum Coiffeur. Schneiden und färben. Noch vor meinem Geburtstag.

– Wie alt werde ich eigentlich in diesem Jahr? 43? Also ich finde, das sieht man mir nicht an. Wenn ich da an gewisse Protagonisten auf RTL II, etc. denke. Da hab’ ich doch echt Glück.

– Manno, ich will einen flachen Bauch. Ganz flach. So wie früher. Tja, drei Schwangerschaften hinterlassen eben ihre Spuren.

– Naja, es gibt schlimmeres. Wirklich. Einfach ein bisschen mehr Training.

– Narben können auch sexy sein. Und definitiv lieber am Bauch als im Gesicht.

– Hab ich schon 15 Minuten geschafft. Beinahe. Yes! Yes! Yes!

– Ich sehe eigentlich ganz gut aus.

– Jetzt geht’s bergauf. Warum mach’ ich das eigentlich? Klar, Selbsterfahrung ist der Königsweg!

– Eigentlich find’ ich gar nichts mehr zum Nörgeln. Genug genörgelt, genug gejammert. Laaaangweilig.

17 Minuten – Tschüss für heute, liebes Spiegelbild.

Für einen leidenschaftlichen Zungenkuss mit meinem Spiegelbild reicht das zwar noch lange nicht, soviel kann ich schon mal verraten. Aber zumindest für einen sanften Kuss. Und doch glaube ich, dass dies zur Annäherung ans eigene Selbst eine sehr gute Übung ist. Es hilft dabei, sich so zu akzeptieren, wie man ist. Mit all den Mängeln – tatsächlichen und eingebildeten. Und mit all den Dingen, die einem gefallen.

Ich mag nicht mehr wie all die Jahre zuvor damit leben, dass ich mir selbst nicht gut genug bin. Die Liebe zu sich selbst muss genährt werden, sonst kann sie nämlich nicht wachsen. Und alles bleibt wie es war – oberflächlich und anfällig.

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

6 Kommentare zu „Nackte Tatsachen

  1. Die Spiegel-Übung…. eine der größten Herausforderungen nach Mißbrauch. Sich selbst lieben…. – oder wenigstens gern haben.

    Als ich vor 25 Jahren endlich erfuhr, dass mein Normal überhaupt nicht normal war, las ich von dieser Übung in einem Buch. Schon alleine vor dem Badspiegel zu stehen; mir in die Augen zu sehen und selbst zu sagen „Ich hab dich lieb“ – war absolut unmöglich.

    Viele Jahre der Übung hat es gebraucht.
    Viele Jahre, in welchen auch mein Körpergewicht zwischen 54 und 99kg. schwankte – und hiermit auch mein Bezug zu mir selbst.
    Ich hatte es gut hinbekommen – nicht zuletzt auch wegen meines Berufs in der Sexarbeit.
    All die Komplimente der Männer – und das wirkliche ansehen der männlichen Körper in allen Altersstufen und Zuständen führten mich letztlich zu meiner persönlichen Wahrheit.
    Auch die Männer werden zunehmend „gestört“ in ihrer Selbstakzeptanz.
    Die Medien machen uns allesamt völlig Banane im Kopf.

    Kaum ein Mann, welcher selbst fähig wäre zu erfüllen, was die Medien uns als „Erwartung“ vorkauen. Kein Mann ohne Runzeln; Schlaffes, Vernarbtes oder Haariges.
    Kein Mann der bereit wäre, sich in Metallenes und Steifes zu zwängen, wie es Frauen tun mit Bügel-BHs und Miedern.
    Und keiner, der von seiner Partnerin wahrhaft und konsequent erwarten würde, dass sie perfekt sei.

    Männer lieben Weiches, Kuscheliges, Knuddeliges – zum einschmusen, reiben und lieben. Geborgenheit und kleine Makel – wie auch sie selbst sie haben und geben können.

    Die Medien machen dumme Menschen.
    Das Herz spricht eine andere Sprache. Man braucht nur zu lauschen.

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