Die Illusion vom Samichlaus oder warum ich meine Kinder anlüge

Lieber Samichlaus aka Herr Meier, Herr Müller oder so ähnlich

Dein weisser, langer Bart ist nicht echt. Und dem Christkind bist Du mit der aller grössten Wahrscheinlichkeit auch noch nie begegnet. Dein Esel ist vermutlich ein VW Golf und Du lebst nicht im Wald, sondern vermutlich in einem Einfamilienhaus mit Garten. Oder in einer Mietswohnung. Vielleicht hast Du Familie, vielleicht aber auch nicht.

Du stapfst nicht durch den tiefen Schnee und Dein Kollege, bei uns bekannt als Schmutzli, ist überhaupt nicht Dein bester Freund und Helfer. Von wegen jahrein jahraus Guetzli backen für die vielen, vielen Kinder. Vermutlich kennst Du kein einziges Rezept für einen feinen Guetzliteig. Das ist doch die Wahrheit, oder?

Du bist enttarnt, guter Mann. Schon lange. Seit ich etwa zehn Jahre alt war und herausgefunden habe, wie der Hase läuft. Apropos Hase…Der Osterhase und der Samichlaus. Ein fesches Gespann. Wobei der Glaube an den Osterhasen schon lange zuvor geplatzt ist.

Alles gelogen. Und weisst Du was? Es ist mir egal. 

Es ist mir egal, dass Dein Bart angeklebt ist und dass Dein roter Mantel das ganze Jahr über neben zig anderen roten Mänteln in einer Garderobe hängt und darauf wartet, einmal im Jahr von Dir getragen zu werden. Es ist mir total egal, weil, lieber Samichlaus, ich mag Dich sehr. Das war schon immer so. Es ist schlicht die Wahrheit. Meine Wahrheit.

Du bist ein Überbleibsel meiner Kindheit. Eine Hoffnung, eine Freude. Jemand, der Geschenke bringt und mir ein Strahlen ins Gesicht zauberte. Der mehr lobte, als tadelte. Dein Besuch bescherte mir als Kind magische Momente. Momente, von denen es nicht allzu viele gab.

Lange Zeit sah ich Dich dann nur noch aus der Ferne. Seit ich Kinder habe, kommst Du jedoch wieder jedes Jahr in unsere gute Stube. Das freut mich sehr und die Kinder sowieso. Auch die Älteste, die seit einem Weilchen weiss, dass Du gar nicht echt bist, sondern einfach eine Rolle spielst und dich dazu verkleidest. Ist ihr aber ebenso egal wie mir.

Letztes Jahr hast Du auch mich zu dir nach vorne gerufen. Auf einen Schlag war ich wieder gefühlt neun Jahre alt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Herz ein paar Takte schneller geschlagen hat. Ein wunderbares Gefühl. Ich vergass, dass Du gar nicht echt bist – in dem Moment war das einfach so was von irrelevant.

Für einen kurzen Augenblick spürte ich ihn wieder – diesen magischen Moment meiner Kindheit. Diesen Zauber, den wir, gerade in diesen Zeiten, doch so gut gebrauchen können. Es sind Momente der Freude, die unglaublich kostbar sind.

Meine beiden Buben (8 und 9 Jahre alt) glauben noch an den Samichlaus. Weil Du, wenn Du durch unsere Türe trittst, der einzig wahre Samichlaus bist – sozusagen „the one and only“. Das Strahlen in den Augen meiner Kinder spricht Bände. Auch mir wird’s jedes Mal warm ums Herz. Meine Kinder spüren diesen Zauber und ich wünsche mir, dass das noch ein Weilchen so bleiben wird.

Klar, blöde sind sie nicht. Dass Du, lieber Samichlaus, nicht im Wald wohnst und dich verkleidest, das wissen sie. Wieso Du immer alles über die Beiden weisst, ist ihnen allerdings schleierhaft. Soweit ich das mitkriege, sind die Beiden wohl eher Ausnahmen, oder besser Spätzünder. Die meisten Kinder in ihrem Alter glauben nämlich nicht mehr an den Samichlaus und dieser kommt auch nicht mehr zu ihnen nach Hause zu Besuch.

Die Illusion vom Samichlaus wird noch früh genug enden. Und ja, wegen Dir, lieber Samichlaus, lüge flunkere ich meine Kinder an und habe dabei fast kein schlechtes Gewissen. Ich habe noch nie von jemanden gehört, dass diese Lüge das Vertrauen zwischen Kindern und Eltern erschüttert haben soll.

Darum sage ich danke, lieber Herr Müller, Meier oder wie auch immer Du heissen mögest – Dein Name spielt keine Rolle.

Danke, lieber Samichlaus.

Für mich gehört der Samichlaus zur Vorweihnachtszeit wie die Glühbirne in eine Lampe. Wie ist das bei euch? Kommt er noch oder sind eure Kinder schon aus dem Alter raus?

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

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