Die Wohnung meiner Eltern

Heute habe ich mit einem Kapitel aus meiner Lebensgeschichte abgeschlossen. Meine Eltern leben nämlich seit gut 1.5 Jahren im Altersheim. Alles ging damals ziemlich schnell, so dass meine Eltern keine Zeit hatten, ihren gesamten Krempel auszumisten um das, was sie für den Rest ihrer noch verbleibenden Lebenszeit benötigen, mitzunehmen. Und Krempel ist auch nicht das treffende Wort, welches den Zustand der Wohnung und der Dinge, die sich darin befanden, zu beschreiben vermag. Mein Papa ist ein Mensch, dem es unglaublich schwer fällt, sich von Dingen zu trennen. Ich weiss nicht, ob der Begriff „Messie“ auf meinen Vater zutrifft. Für mich tendiert er jedoch stark in diese Richtung.

Meine Eltern und ich sind vor 39 Jahren in diese Wohnung umgezogen. Ich war damals vier Jahre alt. Anfangs war alles noch ziemlich normal und ordentlich. Mit einer Ausnahme: Mein Vater belegte jede horizontale Fläche mit Papier. Zeitungen, Zeitschriften Rechnungen und Briefe. Massenweise. Und wenn kein Platz mehr vorhanden war, dann wuchsen die Stapel Stück für Stück in die Höhe. Auch jetzt im Altersheim gibt es kaum noch eine papierfreie Fläche in ihrer kleinen Zweizimmer-Wohnung. Nur auf dem Boden kann er keine Zeitungen mehr stapeln, da er sonst mit dem Rollstuhl Gefahr laufen würde, nicht mehr vorwärts zu kommen.

Ich bin bei einer Pflegefamilie aufgewachsen, hatte jedoch regelmässig Kontakt zu meinem Elternhaus. Während meiner Teenagerzeit besuchte ich im wunderschönen Engadin eine Internatsschule und hatte nur in den Ferien Kontakt mit meinen Eltern.

Allmählich realisierte ich, in welchem Zustand sie wohnten. Durch das viele Papier und auch all die anderen über Jahre angesammelten Dinge war es ihnen gar nicht mehr möglich, die Wohnung sauber zu halten. Sie versuchten es ein paar Mal mit einer Putzfrau. Keine hat es jedoch länger als ein paar Wochen ausgehalten. Freunde mit nach Hause zu nehmen, kam für mich nicht in Frage – ich habe mich zu sehr geschämt.

Als ich noch kinderlos war, habe ich meine Eltern trotz der widrigen Umstände ab und an besucht. Ich fühlte mich jedes Mal total schmutzig und ich musste nach dem Besuch bei ihnen zuerst einmal lange und ausgiebige duschen. Meine Eltern waren/sind zudem starke Raucher und leider auch keine Anhänger von frischer Luft. Frischluft ist für sie ein Fremdwort.

Meine Kinder haben diese Wohnung erst jetzt gesehen, nachdem meine Eltern schon ins Altersheim umgezogen waren. Auch wenn es mir äusserst unangenehm war, ihnen mein Elternhaus zu zeigen, ist es doch ein Teil meiner Kindheit und es erschien mir irgendwie wichtig, sie daran teilhaben zu lassen.

Mein Vater wollte dieses Chaos zusammen mit mir Stück für Stück auflösen. Wenn es sein Gesundheitszustand und meine Zeit zu liess, sind wir gemeinsam in die Wohnung gefahren, wo er jedes seiner zig hundert Bücher einzeln zwischen in die Hände nahm, darin herum blätterte um dann zu entscheiden, ob er dieses Buch jetzt ins Altersheim mitnähme oder ob es auf dem Stapel „wird nicht mehr benötigt“ landet.

Seine Hosen waren nach jeweils drei Stunden dunkelgrau vom darauf liegenden Staub und Schmutz und meine Lunge lechzte richtiggehend nach frischer Luft. Für mich war bald klar, dass ich das stoppen muss. Einerseits der Gesundheit zuliebe und andererseits stellte es meine Geduld auf eine harte Probe.

Es gäbe ja Institutionen, die alten Menschen dabei helfen, sich von ihren Sachen zu trennen und nur das Nötigste ins Altersheim mitzunehmen. Diese Hilfe wollte mein Vater jedoch partout nicht in Anspruch nehmen.

Ich schlug ihm dann vor, dass er mir doch bitte sagen möge, welche Dinge ihm am Herzen liegen und wovon er sich unter gar keinen Umständen trennen möchte. Bedingung war, dass das Ganze in zwanzig Umzugsschachteln reinpassen musste. An einem Nachmittag haben mein Mann und ich das gemeinsam erledigt. Faszinierend war, dass meine Eltern ganz offensichtlich in einem totalen Chaos lebten. Aber in den Schränken hatten meine Eltern eine Ordnung, die mich wiederum beinahe in Erstaunen versetzte.

Zwei Wochen später liessen wir die gesamte Wohnung von einem Brockenhaus räumen. Ein mit Krimskrams vollgestopfter Estrich und ein ebenso überladenes Kellerabteil inklusive. Die Wohnung wurde so gut es ging gereinigt, aber das Nikotin hat in den vielen Jahren seine Spuren hinterlassen und die Wände dunkelbraun verfärbt.

Heute Morgen fand die Wohnungsübergabe statt – endlich, endlich, endlich. Für einen kurzen Moment stand ich nun in dieser dunkelbraun verfärbten, immer noch stark nach Rauch riechenden Wohnung und habe einmal ganz tief ein- und ausgeatmet. Ich fühlte mich erleichtert. Eine schwere Last fiel mir von den Schultern.

Und auch ein ganz kleines bisschen Wehmut kam auf. Die Rötelstrasse 23 ist sowohl für mich als auch meine Eltern Vergangenheit. Sie ist ab heute Geschichte und wird gleichzeitig ein Teil meiner Geschichte bleiben. Sie ist und war jedoch nie mein Leben. Und dafür bin ich dankbar.

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PS: Nach reiflicher Überlegung habe ich mich dazu entschieden, diesem Blog doch zwei, drei Fotos hinzuzufügen, damit der Leser sich ein Bild machen kann, worüber und warum ich darüber geschrieben habe. Die Bilder, die den Schmutz zeigen, lasse ich bewusst weg.

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

11 Kommentare zu „Die Wohnung meiner Eltern

  1. Ich bin jetzt völlig sprachlos! Ich finde es absolut mutig und ganz bewundernswert, dass Du darüber so offen schreibst. Schon alleine dafür hast Du meine ganze Bewunderung. Ich hoffe, Du kannst diesen Abschnitt abschließen und die guten Dinge in Dir bewahren? Ganz herzlich Grüße mit einem großen Dankeschön für Deinen offenen Beitrag, Sylvia

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  2. Ohje. Das hab ich auch schon hinter mir, erst vor ein paar Wochen musste ich die Wohnung meiner Mutter auflösen, weil sie ins Pflegeheim kam. Sie ist eine ordentliche Person und alles war sauber. Trotzdem hats mir gereicht. In ihren Sachen herumzuwühlen fand ich schlimm. Aber das ist ja nichts im Vergleich zu dem, was du hinter dich gebracht hast. Ich zieh den Hut!

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  3. Jedes Ende ist auch immer ein Neubeginn. Und manchmal ist es einfach gut, altes loszulassen. Man reist dann mit leichterem Gepäck! 🙂

    Allerdings stelle ich es mir nicht leicht vor, öffentlich darüber zu schreiben. Aber richtig ist es. Aus dem Blog ist aus dem Kopf. Sag ich immer. 🙂

    Danke, dass Du das mit uns geteilt hast.

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  4. Lieber Torsten. Ja, schreiben ist für mich ganz klar auch eine Hilfe, Dinge, die mich beschäftigen, zu verarbeiten. Und das Gepäck wird dadurch tatsächlich jedes Mal ein kleines bisschen leichter. GLG, Franziska

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  5. Danke, liebe Sylvia, für Deine netten Worten. Ja, ich kann die guten Dinge in mir bewahren und das ist mir unter anderem darum möglich, weil ich über die „schlechten“ Dinge schreibe. Das ist dann eine Art Therapie für mich. Schreibtherapie. Herzlich, Franziska

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