Die Rabenmutter in mir…

Schon am frühen Morgen lagen meine Nerven für einen kurzen Augenblick blank. Zum gefühlt hundertsten Mal führte ich mit meinem Jüngsten eine Diskussion darüber, dass es leider noch nicht ganz Frühling sei und er darum noch nicht im kurzärmligen T-Shirt zur Schule gehen könne. Punkt und Ende. Denkste! Das Ganze schaukelte sich hoch, bis ich wirklich kurz davor war, zu explodieren. Kaum scheint die Sonne vom Himmel, denkt der kleine Mann, dass der Sommer vor der Tür steht. Kurze Hosen und T-Shirt Wetter. Aber es ist eben erst März und frühmorgens sind die Temperaturen auf dem Thermometer um die Null Grad Celsius. Wir haben also hin und her diskutiert, und ich bin dann halt irgendwann richtig laut geworden und habe gesagt, dass jetzt Ende der Diskussion sei und er gefälligst, und zwar ohne wenn und aber, seine Jacke anziehen muss. Sonst gibt’s Fernsehverbot. Er rannte dann wutentbrannt zur Tür hinaus.

Wie ich das hasse, wenn ich mich so von meinen Kindern verabschieden muss. Es ist einer meiner Grundsätze, falls irgend möglich, nie im Streit auseinander zu gehen. Schliesslich könnte den Kindern auf dem Schulweg etwas passieren. Oder mir. Sich so zu trennen, hinterlässt bei mir ein ganz ungutes Gefühl im Bauch.

Hätte ich anders reagieren sollen? Ich hätte ihm ja einfach seinen Willen lassen können und ihm damit sogar die Chance ermöglicht, seine eigenen Erfahrungen mit der Kälte zu machen. Durch Erfahrung wird man ja angeblich klug. Für mich kommt es jedoch nicht in Frage, dass ich mein Kind im Sommeroutfit bei Temperaturen um die Null Grad in die Schule schicke. Aus meiner Sicht entspräche ich dann eher dem Bild einer Rabenmutter. Warum nur fühle ich mich aber dennoch in solchen Situationen als schlechte Mutter?

Es gibt sie immer wieder, diese Momente, wo ich denke, hey, jetzt genüge ich als Mutter nicht, werde meiner Mutterrolle nicht gerecht. Oder sind das bloss die Ansprüche, die ICH an MICH selbst stelle?

Ich bin mit Bestimmtheit keine Rabenmutter und trotzdem fühle ich mich in manchen Augenblicken so. So zum Beispiel heute Mittag. Der Jüngste kommt von der Schule nach Hause. Er hat ein ganz trauriges Gesicht und ich sehe, dass er gleich in Tränen ausbrechen wird. Warum? Nicht wegen des Vorfalls vom Morgen, sondern weil seine Zeichnungen von einem Hund aus Langeweile kaputt zerkaut wurden. Er weinte bittere Tränen, weil das die schönste Zeichnung sei, die er bislang in seinen sieben Jahren gemalt hat.

Ich versuchte ihn zu trösten und habe ihn in den Arm genommen, währenddessen dicke Tränen der Verzweiflung seine Wangen herunter kullerten. Und ich habe ihm erklärt, dass der Hund das ganz bestimmt nicht mit böser Absicht gemacht habe. Es nützte alles nichts. Mein Sohn kann sich in solchen Momenten ganz in sein Elend hineinsteigern, das weiss ich aus Erfahrung. Auch meine Vorschläge, dass wir doch den kaputten Teil der Zeichnung einfach wegschneiden können, wurden so natürlich nicht mehr gehört. Nach ungefähr 15 Minuten habe ich aufgegeben und realisiert, dass ich nicht in der Lage bin, ihn zu trösten oder zu beruhigen.

Zudem stand ja auch noch das Mittagessen auf dem Herd. Naja, die Gnocchi waren nach diesem Drama so weich gekocht, dass sie sich bei meinem Versuch die Pampe auf den Teller zu schöpfen fast in ihre Bestandteile aufgelöst haben. Gut gab’s noch Tomatensauce, so dass man die Gnocchi wenigstens darunter verstecken konnte. Das Auge isst bekanntlich mit und natürlich gab’s dann am Tisch von meinen drei Kindern ein riesen Gemotze, was „das da“ auf dem Teller sei und so schlechte Gnocchi hätten sie noch nie gegessen.

Ich bin dann halt wieder stinkig geworden, denn schliesslich war es nicht MEINE Schuld, dass das Essen so schlecht geworden ist. Kinder und das liebe Essen sind eh ein heikles Thema. Meiner Erfahrung nach hat immer einer etwas zu meckern. Es allen Recht zu machen, ist schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Ausser ich koche abwechselnd Tomatenspaghetti, Pizza, HotDog oder Omeletten. Was dann aber mir definitiv nicht schmecken würde.

Gerade eben erklärte ich meinen Söhnen zum x-ten Mal, das sie zum Skaten einen Helm tragen müssen und dass es mir schnurz piep egal ist, ob andere Jungs ohne Helm fahren. Manchmal ist es wirklich zum aus der Haut fahren.

Und auch da schleicht sich wieder der Gedanke ein, dass ich mit ihnen doch etwas geduldiger sein sollte. Sie sind doch noch klein und müssen noch so viel lernen und begreifen. Bin ich eine Rabenmutter, weil ich manchmal zu wenig Geduld aufbringe? Nein, nein und nochmals nein. Und trotzdem fühle ich mich hie und da wie eine. Warum das wohl so ist?

Irgendwo in mir ist wohl das Bild einer „guten Mutter“ abgespeichert. Woher dieses Bild stammt, weiss ich nicht und eigentlich ist es auch nicht so wichtig. Bestimmt nicht von meiner eigenen Mutter. Und trotzdem ist es in mir drin. Dieses Bild stammt vermutlich noch vor der Zeit, als meine Kinder geboren wurden. Da hab ich mir vielleicht in meinem Kopfkino ein Gebilde gebastelt, welche Eigenschaften eine Frau haben sollte, um eine „gute Mutter“ zu sein. Doch dieses Bild entspricht nicht der Realität.

Kinder sind eine Herausforderung. Nein, so stimmt das nicht. Die Erziehung der Kinder ist eine Herausforderung. Und Kinder können uns Eltern herausfordern. So stimmt es für mich.

Ich bin eine gute Mutter, denn ich tue das Bestmögliche für meine Kinder und das jeden Tag aufs Neue – immer und immer wieder. Ich liebe sie bedingungslos. Und ich bin für sie da. Nicht jede Sekunde, nicht jede Minute, aber bestimmt dann, wenn sie mich brauchen. Ich bin nicht immer lieb, nett und verständnisvoll oder tolerant und grosszügig. Das macht jedoch aus mir noch lange keine Rabenmutter. Auch wenn ich mich ab und an so fühle. Dieses Gefühl entspricht einer Fantasie. Es kommt dann auf, wenn ich nicht dem von mir eigens erschaffenen Bild entspreche.

Ich bin eine gute Mutter. Und wenn ich meine Kinder ins Bett bringe, dann spüre ich es ganz deutlich und zwar in jeder innigen Umarmung und in jedem zärtlichen Gutenachtkuss.

Ich bin eine gute Mutter. In allererster Linie bin ich jedoch Mensch.

PS: Auf dem Foto sieht man übrigens den doch noch gelungenen Rettungsversuch der Zeichnung meines Jüngsten. Wir haben die Figur einfach ausgeschnitten und ohne den zerkauten Rest aufgehängt.

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

5 Kommentare zu „Die Rabenmutter in mir…

  1. Mach dir nicht so viele Gedanken! Du kannst nicht immer trösten, beruhigen, geduldig erklären. Kinder müssen auch lernen, Frust zu ertragen. Eins der großen Probleme unserer Zeit ist, dass Kinder erwachsen werden und denken, sie haben einen Anspruch darauf, beruhigt und getröstet zu werden. Haben sie aber nicht, irgendwann haben sie im Alltag Partner und keine Mami mehr. Ich habe vier Kinder, zum Glück schon erwachsene. Sie können mit Frust umgehen, weil sie es gelernt haben. Bei so vielen Geschwistern war einfach nicht so viel Zeit und Geduld für jedes Einzelne. Sind trotzdem prächtig geworden und kommen im Leben zurecht. 🙂
    Das Bild ist übrigens toll, da hätt ich auch geheult, wenn es zerstört geworden wäre. Tolle Idee, es einfach auszuschneiden!

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  2. Wenn ein Kind kritisiert wird, lernt es, zu verurteilen.
    Wenn ein Kind angefeindet wird, lernt es zu kämpfen.
    Wenn ein Kind verspottet wird, lernt es, schüchtern zu sein.
    Wenn ein Kind beschämt wird, lernt es, sich schuldig zu fühlen.
    Wenn ein Kind verstanden und toleriert wird, lernt es, geduldig zu sein.
    Wenn ein Kind ermutigt wird, lernt es, sich selbst zu vertrauen.
    Wenn ein Kind gelobt wird, lernt es, sich selbst zu schätzen.
    Wenn ein Kind gerecht behandelt wird, lernt es, gerecht zu sein.
    Wenn ein Kind geborgen lebt, lernt es, zu vertrauen.
    Wenn ein Kind anerkannt wird, lernt es, sich selbst zu mögen.
    Wenn ein Kind in Freundschaft angenommen wird,
    lernt es, in der Welt Liebe zu finden.
    ~Text aus einer tibetischen Schule~

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