Meine Mutter, die Psychiatrie und ich (Teil 2)

Ich sitze am Bett meiner Mutter und halte ihre Hand in meiner. Eine seltsame Situation an einem seltsamen Ort. Ich fühle mich irgendwie hilflos und überfordert. Kein schönes Gefühl. Wir haben uns nichts zu erzählen. Doch plötzlich flüstert sie mir zu, dass die Frau im Nachbarbett „im Fall nicht normal sei“. Ich muss schmunzeln. Und frage mich, ob meiner Mutter eigentlich bewusst ist, wo sie sich zur Zeit befindet. Nämlich in der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, auch bekannt als Burghölzli.

Was ist schon normal?

Nicht normal? Was heisst das schon? Normal? Normalität. Es so zu nennen, da fehlte mir bisher der Mut. Ich sage und schreibe, dass meine Mutter psychisch-krank ist, denn das ist sie auch. Zudem leidet sich wegen der ehemaligen Alkoholabhängigkeit unter organisch bedingten affektiven Störungen. „Psychisch-krank“ ist ein politisch korrekter Ausdruck. Ein Begriff, der vieles aussagt und doch eine Menge verschweigt.

Aber natürlich ist es so, dass die Krankheit meiner Mutter ihr Verhalten stark beeinflusst. Es gab und gibt keine Normalität in ihrem Leben. Es gab auch gute Momente. Wenn man es so formulieren will – fast normale Momente. Doch diese sind rar. Momente mit Seltenheitswert. Meine Mutter, die zu Liedern aus den 60ern mitsingt. Meine Mutter, die Querflöte spielt. Meine Mutter, die sich das Mundharmonikaspielen selber beigebracht hat. Meine Mutter, die tanzt. Meine Mutter, die den immer gleichen Witz erzählt und herzhaft darüber lachen kann, weil sie ihn selber am lustigsten findet. Längst vergangene Zeiten.Ja, meine Mutter ist nicht normal. Das ist unschön, aber es ist ebenso die Wahrheit. Es ist nicht normal, wenn man Zwänge hat und alle zehn Minuten durch die Wohnung geistern muss, um den Aschenbecher, den Herd oder die Wohnungstüre zu kontrollieren. Oder pro Tag mindestens eine Stunde lang prüfen muss, ob die Kleider im Schrank richtig zusammengelegt worden sind.

Es ist nicht normal, wenn man im Wahn aus dem Fenster springen möchte oder auf seine zwölfjährige Tochter losgeht und sie verprügeln möchte. Oder sich so betrinkt, dass die 8-jährige Tochter nachts die Nachbarn aufwecken muss, weil die Mutter sich im Rausch den Kopf am Heizkörper angeschlagen hat und ohnmächtig auf dem Boden des Wohnzimmers liegt. Auch damals wurde meine Mutter ins Burghölzli eingeliefert. Auch damals landete sie auf der geschlossenen Abteilung.

Was wäre, wenn…

Ich sitze also am Bett meiner Mutter. Meine Mutter, die in der Alterspsychiatrie im Burghölzli darauf wartet, bis ein Platz auf der gerontopsychiatrischen Abteilung des Pflegeheims frei wird. Meine Mutter hat mir in der Zwischenzeit den Rücken zugekehrt. Auch das ist ein Zwang. Immer auf der gleichen Körperseite liegen zu müssen. Auch wenn die Rippen davon schmerzen und die Haut wundgelegen ist.

Ich frage mich, ob und was meine Mutter in ihrem Leben anders gemacht hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sie am Ende ihres Lebens in der Psychiatrie enden wird. Mit und bei Menschen, denen man eigentlich egal ist. Niemand, der an deinem Leben und an deinem Schicksal mitfühlend interessiert ist. Liebevolle Anteilnahme kann man nämlich nicht kaufen.

Drei Fachpersonen bin ich beim ersten Besuch begegnet. Sie waren nett, haben mich über den Zustand meiner Mutter und das weitere Vorgehen informiert. Sehr sachlich. Bei niemandem habe ich Anteilnahme gespürt oder auch nur einen Hauch Sympathie für meine Mutter. Nun, dieser Eindruck mag täuschen und die eigenen Gefühle entspringen oft der Fantasie, aber ich habe durchaus so meine Erfahrungen.

Hätte meine Mutter mehr kämpfen müssen? Fehlte es am Willen, die Dinge zum Besseren verändern zu wollen? Oder war da gar nicht genügend Kraft vorhanden? Andere Ärzte, wirksamere Medikamente, bessere Methoden und Techniken – hätte das etwas zum Positiven verändern können?

Fragen über Fragen. Fragen, auf die es keine Antwort geben wird. Dieses Hätte-wäre-wenn ist total sinnlos und trotzdem schwirren mir diese Gedanken durch den Kopf.

Auf gewisse Dinge hätte meine Mutter vielleicht Einfluss nehmen können. Durch den jahrelangen Alkoholmissbrauch hat leider auch das Gehirn meiner Mutter Schaden erlitten und wurde dementsprechend in Mitleidenschaft gezogen.

Meine Mutter ist keine liebenswerte alte Dame. Kein Oma-Typ, den man knuddeln möchte. Früher konnte sie nett und lustig sein, wenn sie es denn wollte und es ihr phasenweise besser ging. Gerade nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie spürte man durchaus eine Besserung bei meiner Mutter. Leider hielten die Phasen nie sehr lang an.

Doch schon damals konnte meine Mutter sehr, sehr garstig und gemein sein. Wenn ihr etwas nicht in den Kram passte, hat sie dies vielfach ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer kundgetan. Sie hat durch diese Art einige Menschen sehr verletzt, leider auch solche, die ihr wohlbesonnen waren. Menschen, die sich abgewendet haben.

Im Laufe des Lebens hat diese aggressive und durchaus bösartige Seite mehr und mehr die Führung übernommen. Heute bin ich der einzige Mensch auf Erden, der sie ab und zu besucht. Ich fühle mich irgendwie dazu verpflichtet, obwohl es mir nicht besonders gut tut, wenn ich mit ihr und somit auch mit meiner Vergangenheit konfrontiert werde. Meine Besuche sind dementsprechend spärlich.

Ich lasse sie los, die Hand meiner Mutter, und verabschiede mich. Sie weint. Kein hysterisches Schreien, keine Aggressivität, keine bösen Worte und keine schafähnlichen Geräusche. Tränen der Verzweiflung. Momente der Erkenntnis? Vielleicht.

„Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“, denke ich unvermittelt. Und dieser Wald ist alles andere als licht- und sonnendurchflutet. Er ist kalt, dunkel und angsteinflössend. Ist man einmal drin, gibt es kein Entkommen. Und es einsam, verdammt einsam.

Vielleicht ist es normal, dass man so nicht mehr leben möchte. Es gibt einen Punkt, irgendwann, da ist der Tod Erlösung. Doch meine Mutter ist nicht mehr in der Lage, zu wählen, geschweige denn, sich von den Qualen zu befreien. Für sie heisst es, warten. Warten und leiden. Und warten.

 

Fortsetzung folgt…

 

 

 

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

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