Nonsens oder der Chat des Grauens

Heute Morgen musste ich mit Schrecken feststellen: Ich werde langsam alt. Grrrr….Nicht darum, weil ich mir selber Blumen kaufe, um die Wohnung zu dekorieren, nicht weil ich in der Parfümerie ungefragt Anti-Aging Müsterchen in die Hand gedrückt bekomme (verdammte Frechheit, geht gar nicht) oder mich dem Wetter entsprechend passend anziehe.

Am Sonntag haben meine Kinder jeweils ihren „gerätefreien“ Tag. 24 Stunden ohne iPhone, iPad oder iPod. Es kommt vor, dass meine bald zwölfjährige Tochter am darauffolgenden Tag über 180 Nachrichten auf ihrem iPhone findet. So auch gestern. Klingelingeling, klingelingeling, klingelingeling – es wollte nicht mehr enden…Meine Neugier war definitiv geweckt. Meine Tochter war so lieb, und ich durfte mitlesen…

Die Jugend spricht häufig eine eigene Sprache. Eine Sprache, die Erwachsene nicht verstehen und auch nicht verstehen sollen. Das ist wichtig, damit die Jugendlichen sich abgrenzen können.

Ich gehöre nicht zu denen, welche die Jugendsprache kritisieren oder in ihr eine Bedrohung für den Verfall der deutschen Sprache sehen. Viele Jugendliche sind in ihrem Sprachgebrauch sogar sehr kreativ.

Doch im nachfolgenden Chatbeispiel kann von Sprache nicht die Rede sein. Es ist eine Anhäufung von einzelnen Worten. Keine zusammenhängenden Sätze, lediglich Satzfragmente. Die gefühlt 1000 Emoticons habe ich der Einfachheit halber weggelassen…

Als Nonsens oder Nonsensliteratur wird eine literarische Gattung bezeichnet, die sich durch eine regelhaft betriebene Sinnverweigerung auszeichnet. Umgangssprachlich bedeutet Nonsens „Unsinn“.

A: hallo?????

B: Hallo

C: was isch?

D: nüt

A: öpper on?

B: ich

C: warum frögsch?

A: eifach so

C: aha

E: was machsch?

B: wer meinsch?

E: alli

D: hey

A: on

C: ich au?

B: warum ich au?

C: on…:-)

A: aha

B: ja so

D: so doof

A: arsch

A: figg di

C: chum nöd drus

A: nöd du

B: was isch?

D: wer meinsch?

A: nüt

B: nerv

E: hallo wer isch on?

A: ich

B: ich au

C: muss off

C: eltere

B: bb

D: de nervt

A: wer?

D: höred uf spame

A: wieso was isch?

B: chum nöd drus

F: Hallo wer isch on???

A: en witz

D: shut up

F: figg di

A: Hallooooo

B: was machsch

F: dehei

F: langwielig

D: game

G: on

A: hey was machsch

B: on

Etc. etc…

Ich kenne diese Jugendlichen. Es sind Schulkameraden und Freundinnen meiner Tochter. Das sind keine Idioten. Wirklich nicht. Und doch frage ich mich, wie man seine Zeit damit vertrödeln kann, sich derart unsinnige Nachrichten zu schicken.

Chatten ist bei Jugendlichen sehr beliebt. Gemäss einer Studie gehört das Chatten bei 94% der Jugendlichen zu den häufigsten Aktivitäten in Sozialen Netzwerken. Man kann es ohne grossen Aufwand jederzeit und überall machen. Und das weltweit.

Irgendwie dachte ich, dass chatten dafür da ist, um Freundschaften zu pflegen und um sich zugehörig zu fühlen. Im Chat kann man über gemeinsame Interessen diskutieren und herausfinden, welche Meinungen gut ankommen und welche weniger gut. Solche Rückmeldungen sind für Gleichaltrige wegen der Identitätsbildung sehr wichtig.

Auch die Schreib- und Kommunikationskompetenz soll so angeblich gefördert werden. Aber genau da habe ich meine Zweifel…

Was sind eure Erfahrungen, liebe Leser und Leserinnen? Wie oft chatten eure Kinder? Regelmässig oder selten? Worüber schreiben sie? Gibt es bestimmte Themen oder ist es wie in meinem Beispiel oft einfach nur kompletter Unsinn? Oder bin ich einfach zu alt, um den Sinn dahinter zu erkennen?

 

Quelle: http://www.jugendundmedien.ch und Wikipedia

 

 

 

 

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

8 Kommentare zu „Nonsens oder der Chat des Grauens

  1. Keine eigenen Kinder, aber schon früh in Chats sozialisiert. Ich bin seit über 15 Jahren in den verschiedensten Chatting-Formen gefangen, vom thematischen Austausch über das allgemeine Plaudern bis hin zur Gruppenkonstitution per Chat. Ich habe solchen Nonsense also auch am eigenen Leib erfahren. Zu deinen Überlegungen sind mir zwei Dinge aufgefallen:

    „Irgendwie dachte ich, dass chatten dafür da ist, um Freundschaften zu pflegen und um sich zugehörig zu fühlen.“
    Ja.
    „Im Chat kann man über gemeinsame Interessen diskutieren und herausfinden, welche Meinungen gut ankommen und welche weniger gut.“
    Ja, aber …

    Gemeinsame Interessen diskutieren und Meinungen ausprobieren. Damit blickst du auf den Kommunikationsvorgang als ob er einem rational nachvollziehbaren Schema folgt. Kommunikations- als Verstandesleistung. Zumindest letzten Endes. Der Wert solcher Nachrichten liegt aber oft gar nicht in den Inhalten, sondern in der Kommunikation selbst. Es geht um Rückversicherung und Ansprechbarkeit. Man gibt sich gegenseitig das Gefühl, immer füreinander da zu sein, wenn etwas wirklich Wichtiges passieren sollte. Die Nonsense-Texterei konstitutiert damit die Gruppe permanent neu, weil sie eben nur virtuell existiert. Letztlich ist das Verhalten gar nicht so weit weg vom Verhalten frisch verliebter Paare, die ständig die körperliche Nähe zueinander suchen, Händchen halten, sich berühren, küssen, egal wo, egal wann. Als ob sie sich gegenseitig immer wieder versichern müssten, dass sie in einer exklusiven Beziehung leben. Damit konstitutieren sie diesen exklusiven Beziehungsraum.

    Ebenso wichtig ist aber Folgendes: „Die gefühlt 1000 Emoticons habe ich der Einfachheit halber weggelassen…“ Ich habe dazu mal einen Beitrag geschrieben (https://kaffeetaesschen.wordpress.com/2015/09/16/ueber-emojis/ ) und zitiere mich mal ganz frech:
    „Emojis werden je nach herrschender Kultur, Generationenzugehörigkeit, Empathie und “visueller Lesekompetenz” unterschiedlich interpretiert und erweitern potentiell die Verständnis-Spielräume.

    Damit werden Emojis zu einer Kommunikationsgefahr, weil sie den vom Sender intendierten Erfolg torpedieren – oder positiv formuliert: Emojis sind eine Chance, den Interpretationsspielraum zu vergrößern, den Sinn von Texten zu vermannigfaltigen. “

    Was dein Protokoll angeht: Du hast nur das halbe Gespräch protokolliert. Das ist in etwa so, wie ein persönliches Treffen auf Video aufzuzeichnen und die Tonspur zu löschen.

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  2. Hallo du, deinen Aspekt auf den „exklusiven Beziehungsraum“ finde ich sehr spannend. So habe ich mir das noch gar nie überlegt. Bin überhaupt in keinem Chat „zu Hause“ und war es auch nie. Da fehlt es mir persönlich an Erfahrung. Tja, man lernt nie aus. Wenn ich Nachrichten schreibe, benutze ich selbstverständlich auch die Emojis. Ohne sie würde diese Art der Kommunikation gar nicht funktionieren. Dazu ist der Interpretationsspielraum viel zu gross. Und doch glaube ich, dass in meinem Beispiel die fehlenden Emoticons das Ganze auch nicht besser gemacht hätten, resp. der Nonsens derselbe bleibt. Sie benutzen hauptsächlich den lachenden Smiley, den lachen-bis-die-Tränen-fliessen-Smiley und das Äffchen, das sich die Ohren zuhält. Liebe Grüsse, Franziska

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  3. Huhu 🙂
    Ich musste bei dem Chat dich etwas schmunzeln. Meine Kinder sind zwar noch nicht in dem alter, aber ich zähle mich mit meinen 23 Jahren ja nun doch noch nicht zu den ältern. Ich chatte auch gerne auch früher schon, solch komische Chats gab es da ab und an auch mal, aus langeweile, aber es war nicht die Regel. Tatsächlich benutze ich das „chatten“ heute noch gerne um mich mit alten Freunden zu unterhalten, neue Dinge zu erfahren oder auch mal Meinungen von anderen ein zu holen. Das da manchmal komische Dinge zustande kommen die außenstehende nicht verstehen ist aber auch nicht tragisch und für meine Bauchmuskeln sehr von Vorteil durch das viele lachen.

    Liebe Grüße
    Tashi von herzverueckt.wordpress.com

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  4. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich dich durch die ungefragte Verlinkung verärgert habe. Du darfst den Link natürlich gern entfernen. Mir ging es weniger um Werbung, sondern um einen ordentlichen Quellen-Nachweis, dass ich mir darüber Gedanken gemacht habe und das nicht so spontan kam. Mit dem Thema beschäftige ich mich ’nebenan‘ eigentlich selten, deshalb habe ich es nicht so empfunden. Vielleicht auch eine Generationenfrage, für mich ist Verlinkung letztlich Alltag. Generation Wikipedia. 😉 Ich hoffe, du bist mir nicht böse.
    Zum Thema: Nonsense hängt ja immer vom Betrachter ab, auch die Emojis übernehmen hier eine Kommunikationsfunktion, indem sie versuchen, Stimmungen und Gefühle auszudrücken. Hat jemand einen Witz gemacht, ist jemand erheitert ob des Verhaltens von jemand anderem? Die Kommunikation wird dadurch vielschichtiger und die 1:1-Übersetzung von Emojis ist meiner Erfahrung nach unmöglich, weil sie immer an den Kontext gebunden ist: Wer sagt es, was sagt er zusätzlich in Buchstaben, wer empfängt es, wie gut kennen sich die Chatter untereinander? Für Außenstehende ist sowas schwer zu verstehen. Und damit meine ich nicht einmal jemanden, der damit nicht großgeworden ist, sondern jeden, der die Chatgruppe nicht kennt. In jedem Chat gilt es, die Kommunikationsspielregeln neu zu durchschauen und zu erlernen, weil es sich immer um eine eigene soziale Gruppe mit ihren eigenen Codes handelt, die manchmal arg flüchtig sind.
    Zu den „Beziehungsräumen“ ist mir übrigens noch was als Ergänzung eingefallen. Es gibt manchmal „exklusive Emojis“, d. h. besondere Emojis, die ein Chatter regelmäßig benutzt und die häufig dann nur noch dieser Chatter benutzt. Das wird dann zu einer Art Markenzeichen wie die Dreadlocks, die nur der Bandgitarrist trägt. Von daher: Manchmal sind das auch nur Statements.

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  5. Ich bin ja von Haus aus Pädagoge, was ohne Psychologie nicht geht.
    Also sag ich mal `Psychagoge´, um beides unter einen Hut zu kriegen.
    Ich halte vom Chatten grundsätzlich gar nichts. Auch nicht mit dem Gedanken der Abgrenzung bzw. für Jugendliche und Kinder.
    In der Welt der Erwachsene(rinne)n ist das Chatten zum Ausgleich der sexuellen Frustrationen ein beliebtes `Mittel´ der unverbindlichen Kommunikation, mit dem sehr viele Menschen um ihr Erspartes gebracht werden. Das macht schließlich abhängig. Also, Abzocke ohne Ende. Auch über Facebook lässt sich nicht kommunizieren. Da gibt es ähnliche Tendenzen, wie auch diese Emojis zeigen, die ich heute noch nicht hinbekomme außer 😉 und 🙂 auf der Tastatur. Albern und doof!!, zu nichts nutze, finde ich.
    Chatten ist dagegen ein sehr geeignetes Mittel, um z.B. Englisch zu lernen, indem man mit einem fiktiven Partner kommuniziert.
    Chatten sollte schließlich nur als Spiel verstanden werden. Kommunizieren am besten nur mit `Stimme und Blickkontakt´, sonst dreht die Welt schließlich noch vollkommen ab (grins).
    LG
    PJP

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