Über den Wolken…

Meine elfjährige Tochter hat mich heute beim Mittagessen gefragt, ob ich wisse, warum das Flugzeug der Germanwings Airline abgestürzt sei. „Ja“, habe ich geantwortet, „der Co-Pilot wollte sich angeblich das Leben nehmen und hat die Maschine eigenhändig zum Absturz gebracht.“ Es folgten tausend Fragen nach dem „Warum “. War er traurig? War er wütend? Verzweifelt? Warum tut ein Mensch so etwas? Was ging ihm durch den Kopf, als er die Maschine bestiegen hat? War es ihm egal, dass Kinder an Bord waren? Hatte er Angst vor dem Aufprall?

Als ich mit meinen Kindern beim Mittagstisch darüber sprach, stiegen mir Tränen in die Augen und meine Stimme hat beim Sprechen gezittert. Dass ein Mensch zu so einer Tat fähig ist, finde ich emotional unfassbar. Wenn ich an die Toten und die vielen Hinterbliebenen denke, werde ich ganz traurig. Und wütend. Und ich spürte, dass ich ganz und gar fassungslos bin.

Wie erlebte er die letzten Minuten alleine im Cockpit? Hörte er die Schreie der Passagiere, die er mit in den Tod gerissen hat? Niemand kann diese Fragen beantworten. Man kann nur spekulieren, was jemanden soweit getrieben hat, dass er den Tod von so vielen Menschen in Kauf nahm.

Aufgrund meines beruflichen Hintergrunds finde ich sogar Erklärungen dafür, warum jemand in der Lage ist, eine solche Tat zu begehen. In so einem Moment ist der Entschluss, sterben zu wollen, endgültig. Es führt kein Weg zurück. Der Pilot hatte keinen sozialen Bezug zu den Passagieren, er kannte sie nicht. Gab es kurze Momente des Zweifels? Oder hat gerade diese Tatsache dazu geführt, dass es für ihn sogar einfacher war, all die Menschen hinten im Flugzeug auszublenden? Genau das muss geschehen, denn sonst wäre es nicht möglich, den Entschluss auch in die Tat umzusetzen. Vermutlich hat dieser Mann schon lange vor der Tat entschieden, seinem Leben ein Ende zu bereiten. So etwas plant man nicht von Heute auf Morgen.

Ich kannte Menschen, die sich das Leben genommen haben. Einer jagte sich eine Kugel in den Kopf, ein Anderer stürzte sich aus dem Fenster. Gerade vor gut drei Wochen hat ein weit entfernter Bekannter Selbstmord begangen.

Als ich zehn Jahre alt war, schluckte meine Mutter eine Menge Tabletten, legte sich ins Bett und wartet auf den Tod. Zuerst kam jedoch mein Vater (unerwartet) früher nach Hause und sie konnte gerettet werden. Für sie war es jedoch keine Rettung. Das sagt sie auch Heute noch, dreissig Jahre nach ihrem missglückten Selbstmord. Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter mehr als einmal meinte, dass mein Vater sie hätte sterben lassen sollen. Und das war nicht bloss so dahin gesagt.

Nach einem Selbstmord bleibt bei den Hinterbliebenen oft die Frage nach dem „Warum?“. Hätte man es voraus ahnen können? Wäre es zu verhindern gewesen? Hätte ICH es verhindern können? Warum hat der geliebte Mensch sich das Leben genommen? Hätte es einen anderen Ausweg gegeben? Ich glaube, diese Art von Fragen können in so einem Fall mit Nein beantwortet werden. Wenn ein Mensch, aus welchen Gründen auch immer, an den Punkt gelangt, wo der eigene Tod die noch einzig verbliebene Lösung ist, dann gibt es kein Zurück mehr. Der Entscheid aus dem Leben zu scheiden, ist unumkehrbar.

In den meisten Fällen ist der Leidensweg schwer und lang, bis man dorthin gelangt, wo es einfach nicht mehr weiter geht. Wo es keine andere Option mehr gibt. Ein Mensch muss in diesen letzten Minuten seines Lebens ein Egoist sein, denn sonst könnte er den Selbstmord nicht begehen. Freunde, Familie – nahestehende, geliebte Menschen – sind in diesem Moment vermutlich nicht mehr von Bedeutung. Das ist schwer nachvollziehbar und doch passiert es immer wieder.

Die 149 Menschen in diesem Flugzeug hatten jedoch KEINE Wahl. Sie konnten nicht entscheiden. Der Co-Pilot hat jedem Einzelnen die Entscheidung abgenommen. Ein Einzelner wollte sein Leben beenden. Gestorben sind 149 weitere Menschen. Unschuldig, sinnlos, wahllos. Sie fanden über den Wolken nicht grenzenlose Freiheit, sondern den Tod.

Auch wenn es für die Tat dieses Mannes Erklärungen respektive Erklärungsversuche gibt, gibt es in meinen Augen nichts, aber auch gar nichts, das so eine Tat rechtfertigt. Gar nichts!

Das Wort Selbstmord ist in meinen Augen nur dann gerechtfertigt, wenn ein Mensch sich selbst umbringt. Der Co-Pilot ist ein Selbstmörder. Unter anderem. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will…Für mich ist er in erster Linie ein Mörder. Ein Massenmörder. Falls denn alles überhaupt stimmt, was man in den Medien sehen, hören und lesen kann…

Vielleicht war es ein Amoklauf und das Flugzeug die Waffe? Oder war es doch ein technischer Defekt? Die ganze Wahrheit werden wir nie erfahren. Es ist in jedem Fall eine Tragödie.

Wie steht ihr dazu? Was ist Eure Meinung?

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

11 Kommentare zu „Über den Wolken…

  1. ich dänke beantworte chan mer die frag „warum“ nöd… es isch furchtbar tragisch und au wenns die tat i keinster wiis rechtfertiged au de co-pilot hät aghörigi wo um ihn truured und es umfeld wo er wahnsinnig fehlt. Ich bin überzoge dases au für sini aghörige sehr schlimm isch wie dass das ganze passiert isch. das isch s einzige wo mich chli stört das mer ide medie nume vo de passagier und de cabin crew… aber ebe es git i mine auge nüt wo sini tat rechtfertiged!

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  2. Bis jetzt sind das alles Vermutungen. Dass der Co-Pilot 150 Menschen absichtlich mit in den Tod genommen hat ist für mich genauso unwahrscheinlich wie die These, dass die 2. Blackbox eben doch gefunden wurde und bewies, dass technische Defekte das Unglück verursachten und diese Information nicht herausgegeben wird. Das hätte für Airbus und die Versicherungen nämlich sehr viel schlimmere Konsequenzen als ein Selbst- und Massenmörder, den man natürlich unmöglich vorher einschätzen konnte. Alle Tests wurden ja vorbildlich durchgeführt.
    Wir wissen wirklich nichts außer dem, was uns an Informationen gereicht wird. Und die sind 100%ig nicht vollständig.

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  3. Das stimmt. Und jeden Tag kommen neue Theorien und Erklärungsversuche dazu. Jetzt soll die Freundin angeblich auch noch (Mit)Schuld haben, da sie ihn verlassen hat. Absurdistan… Wie gesagt, die ganze Wahrheit werden wir nie erfahren. Diejenigen, welche die Wahrheit kennen, können leider nicht mehr darüber berichten.

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  4. Ja, du hesch recht. Natürli het au de Copilot mensche, wo ihn gliebt hend. au er sich de Sohn vo sine Eltere. Und ich glaub au, dass er es Opfer isch, vo de Gesellschaft, vo sinere Krankheit. Im mim Text gaht’s mir in erster Linie dadrum, was das alles i mir inne usgloest het. D’wahrheit werded mir eh nie erfahre.

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  5. Leider, ja. Die Medien und vor allem Google machen einen glauben, es gäbe den totalen Wissensstand. Bei Rätseln schafft man sich dann gern eigene Wahrheiten, unterstützt von den Medien natürlich.

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  6. Ich glaube deine Ansicht über einen suizidalen Menschen ist richtig, dass es kein Zurück gibt, wenn man einmal an dem Punkt ist, an dem man sein Leben beenden möchte. Sollten die Spekulationen in Zusammenhang mit der Germanwings Maschine stimmen, ist er für mich aber keine selbstmordgefährdete Person, da muss irgendwas anderes dahinter stecken. Denn ein „normaler“ Selbstmordgefährdeter will eigentlich nie andere mit einbeziehen. Aber das werden wir wohl nie erfahren und es ist eine Tragödie, dass lebenswillige Menschen mit in den Tod gerissen werden.

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  7. Gibt es „normale“ Selbstmordgefährdete? Ich denke da an Menschen, die erweiterten Suizid begehen…
    Du hast wohl recht damit, das wir in diesem Germanwings Fall nie die ganze Wahrheit erfahren werden.

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