Würdevoll

Heute habe ich meine Eltern im Altersheim besucht. Ich besuche sie regelmässig, da sie das Altersheim nur noch für Arzt- oder Spitalbesuche verlassen. Obwohl die Migros und auch die Apotheke gleich ums Eck sind, gehen sie nicht mehr selber einkaufen. Unmittelbar neben dem Altersheim befindet sich ein Briefkasten. Das sind kaum zehn Meter zu Fuss. Doch meine Eltern geben mir die Post mit, damit ich diese für sie in den Briefkasten werfe. Ich kaufe für sie ein und seit heute erledige ich auch ihre Korrespondenz und Administration. Mein Vater hat sich darüber geärgert, dass er nicht mehr in der Lage ist, sich um seine Angelegenheiten selbst zu kümmern. Wortwörtlich meinte er: „Eigentlich habe ich das Gefühl, als könne ich die Post noch selber erledigen, aber ich weiss, dass es nicht so ist und es ärgert mich. Mein Hirn ist leider nicht mehr das, was es einmal war.“ Sagt es und seufzt dabei.

Frustriert habe ich heute das Altersheim verlassen und hatte wieder einmal den Gedanken, dass ich auf gar keinen Fall so alt werden möchte wie meine Eltern. Unter gar keinen Umständen. Ich möchte in Würde alt werden. Doch ganz ehrlich, was heisst das denn überhaupt? Gibt es darauf eine Antwort? Vielleicht geht es bei dieser Frage mehr darum, herauszufinden, was dieser Begriff in Tat und Wahrheit bedeutet. Heute und auch Zukunft.

Kann ich über eine solche Frage überhaupt nachdenken, solange ich noch jung bin und weit davon entfernt, dass mir jemand den Po abwischen muss und ich Windeln brauche. Oder dass mich eine Pflegerin füttern muss?

Meine Eltern sind in diesem Hygienebereich noch sehr selbständig. Sie benötigen lediglich Hilfe beim Duschen und meine Mutter zudem beim Essen. Jemand muss ihr Fleisch in kleine, mundgerechte Stücke schneiden. Soweit, so gut. Eigentlich alles gar noch nicht so schlimm.

Wenn ich daran denke, dass ich vielleicht einmal die Kontrolle über gewisse Körperöffnungen verliere, dann empfinde ich das als würdelos. So will ich nicht leben. Doch woher will ich wissen, ob ich in zehn, zwanzig, dreissig oder vierzig Jahren noch genau so darüber denke. Falls es mal soweit ist, verändert sich vielleicht das Verhältnis zu meiner eigenen Würde.

Bedeutet das Wort Würde, dass, wenn ich sie verliere, ich mich der Lächerlichkeit preisgebe. Wenn ich beispielsweise betrunken bin? Das ist ja durchaus nicht würdevoll, in keinem Alter. Kann ein Drogensüchtiger würdevoll sein? Oder ein Bettler auf der Strasse? Entwürdigen sie sich selbst oder werden sie von der Gesellschaft entwürdigt?

Der Gedanke, dass ich im Alter die Kontrolle über mein Leben verlieren könnte, ängstigt mich. Oder dass ich mein Leben eines Tages vielleicht nicht mehr selbständig meistern kann. Ist man dann als alter Mensch gescheitert? Hat man das Gefühl, versagt zu haben? Da drängt sich mir wiederum die Frage auf, ob das Scheitern nicht einfach zum Leben dazu gehört. Oder ist scheitern nur dann in Ordnung, wenn man dafür auch etwas riskiert hat?

Für viele Männer ist vermutlich die Impotenz ein Zustand, mit dem sie sich würdelos fühlen. Zumindest am Anfang. Bis man(n) es akzeptiert hat. Verzichtet man dann in Zukunft auf Sexualität, auf Kontakt mit dem anderen Geschlecht, weil man diesen Zustand nicht mit jemand anderem teilen möchte? Oder man sieht eine schöne Frau oder einen schönen Mann und würde gerne hinterher laufen. Es ist jedoch viel zu anstrengend, so dass man es bleiben lässt. Verabschiedet man sich so langsam aber sicher in kleinen Schritten aus dem Leben?

SEIN STATT SCHEIN

Der Mensch wird zum Zuschauer. Man rennt nicht mehr, man geht nicht mehr aus, bleibt öfter zuhause und macht es sich gemütlich. Vielleicht.

Was ist mit den gängigen Schönheitsidealen? Ist man im Alter tatsächlich davon befreit, irgend einem Bild nachzueifern, dem man sowieso nicht (mehr) entsprechen werden kann.

Das Alter ist doch letztendlich vielleicht auch eine Chance. Endlich nicht mehr das tun zu müssen, was immer von einem verlangt wurde. Anstand und Sitte – drauf geschissen. Eine letzte Chance auf Sein statt Schein. Man kann eigentlich, vorausgesetzt Körper und Geist machen mit, alles tun, was man will. Vielleicht wird es mit dem Alter leichter, zu sagen was man fühlt und denkt. MAN WILL NICHTS MEHR WERDEN, NUR NOCH NOCH SEIN. Gesund zum Beispiel.

Es ist eigentlich gemein, dass im Alter in vielen Fällen der Denkapparat arg in Mitleidenschaft gezogen ist und die Denkfähigkeit dadurch oft beeinträchtig wird. Je länger ich darüber nachdenke, desto sinnvoller erscheint es mir, sich im Alter, auf diese Restressourcen zu fokussieren. Diese so intelligent wie möglich zu nutzen, um eigene Entscheidungen treffen zu können. Und das so lange wie nur irgend möglich.

Im Grundgesetz geht es bei der Würde des Menschen darum, dass man nicht gefoltert, nicht geprügelt und nicht gedemütigt wird. Und genau da denke ich liegt in vielen Fällen das Problem der Alten. Sie werden gedemütigt, manchmal auf geprügelt und der Lächerlichkeit preisgegeben. In diesem Fall geht es mehr darum, dass die Jungen sich gegenüber den Alten würdiger verhalten und die Alten somit nicht entwürdigen.

Vor dem Staat und dem Gesetz sind alle gleich. In der heutigen Gesellschaft ist dies aber leider nicht der Fall. Die Alten kommen ins Heim und viele erwarten, dass sie sich dort ruhig und angepasst verhalten. Sie sollen von der Bildfläche verschwinden. Ein schrecklicher und furchtbarer Gedanke. Empfindliche Ohren merken wohl, worauf das Ganze hinaus läuft.

Alte wollen nicht anders behandelt werden als wir Jungen auch. Davon bin ich überzeugt und muss mir doch gleich selber an die Nase fassen. Auch ich habe manchmal mit den Alten so meine liebe Mühe. Auch mit meinen alten Eltern. Ich empfinde sie oft als wahnsinnig anstrengend. Meine Eltern brummeln oft vor sich hin. Und ja, sie sind eigen geworden. Aber wenn ich ehrlich bin, waren sie das auch früher schon. Wenn man es nüchtern betrachtet, sind sie einfach nur älter geworden. Aber sie sind immer noch sie selbst. Meine Eltern haben schon früher nicht viel unternommen und ihre Bewegungsfreiheit auf ein Minimum eingeschränkt. Sie waren und sind Eigenbrötler. Mit dem Alter sind gewisse Charakterzüge einfach stärker ausgeprägt vorhanden. Auch die Negativen.

All mein ‚Stirngerunzel’ ändert nichts. Jetzt bin ich noch (relativ) jung. Es wird sich wohl nur was verändern, wenn sich die Generation nach mir ebenfalls solche Gedanken macht. Sonst werden wohl auch wir (meine Generation) in einem Heim enden, wo es in erster Linie darum geht, so wenig wie möglich aufzufallen, schön brav, angepasst und ruhig zu sein.

Noch ist es weit entfernt. Aber eines ist sicher, es wird uns alle eines Tages treffen. Und wenn sich etwas verändern soll, dann schadet es nicht, sich rechtzeitig Gedanken darüber zu machen.

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

3 Kommentare zu „Würdevoll

  1. Ich glaube du machst dir ein falsches Bild von Menschen im hohen Alter. Auch wenn sie sich nicht mehr selbst waschen und anziehen können, ist das doch nicht würdelos. Sie werden in der Regel von Pflegefachkräften versorgt, meist in einer Einrichtung, wo man sich auf deren Bedürfnisse spezialisiert. Ich erlebe die Behandlung meiner Mutter im Pflegeheim als ausgesprochen respektvoll und habe nicht den Eindruck, dass sie das Loslassenmüssen als Demütigung empfindet. Mach dir mal keine Gedanken, es wird ganz anders, als du es dir heute vorstellst! 🙂

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  2. Mag sein, dass ich mir ein falsches Bild mache. Dieses Bild habe ich jedoch, weil ich meine Eltern regelmässig im Altersheim besuche und, wenn auch selten, dort mit ihnen im Speisesaal esse. Dieses nebeneinander und nicht mehr miteinander gefällt mir gar nicht. Bei euch in Deutschland gibt es einen Verein „Jugendzentrum für Senioren“ (www.kindervongestern.de). Das geht für mich so in eine Richtung, die mir deutlich besser gefällt.

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  3. Ich verstehe was du meinst, aber du sagst ja selbst, dass deine Eltern schon in jüngeren Jahren für sich bleiben wollten. Meine Mutter lebt im Pflegeheim und ich erlebe es auch, wie die Menschen behandelt werden. Ich empfinde ein solches Leben auch nicht mehr schön, aber das bin ich. Die Menschen dort machen keinen resignierten Eindruck. Sie werden eigentlich respektvoll behandelt und man beschäftigt sich auch mit ihnen. In Seniorenwohnungen ist es natürlich anders. Da muss man selbst aktiv werden und Angebote annehmen. In der Einrichtung meiner Mutter gabs eigentlich immer irgendwas, und sie ging auch zu manchen Veranstaltungen hin.

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