Muttertag – Ein Tag voller zwiespältiger Gefühle

Mutterliebe ist nicht schwarz, weiss, rosa, gelb oder blau, sie ist oft ein grosses Durcheinander.

Das Muttersein ist oft eine Herausforderung. Als Mutter von drei Kindern weiss ich, wovon ich spreche. Leider ist es so, dass nicht alle Mütter gute Mütter sind. Und nicht alle Mütter haben es per se verdient, dass man sie am Muttertag feiert oder man freudestrahlend mit seiner Mutter ein paar schöne Stunden verbringt.

Muttertag. Ein Tag, den ich noch nie besonders gerne mochte. Soviel gelebte, gezeigte und beschriebene Mutterliebe war mir sogar ein Graus. Weil es mich jedes Mal daran erinnert hat, wie es sein könnte, aber niemals war.

Geändert hat sich das erst, als ich selber Mutter von drei wunderbaren Kindern wurde. Doch auch wenn ich mich noch so sehr über die Blumen, die herzigen Karten, das Frühstück im Bett und auf das gemeinsame Essen mit meinen Allerliebsten freue, war und ist dieser Tag auch mit schwierigen und zwiespältigen Gefühlen verbunden.

Als Kind habe auch ich meiner Mutter ein kleines selbstgebasteltes Geschenk oder eine Zeichnung geschenkt. Danke, Mami. Doch wofür? Ich habe mir als Kind nie diese Frage gestellt. Ich war tatsächlich dankbar und ich habe meine Mutter geliebt. Natürlich wusste ich, dass es bei uns Zuhause nicht so war, wie in anderen Familien mit gesunden Eltern.

Mit zwölf Jahren, als ich ins Internat kam, schrieb ich in den ersten Jahren meiner Mutter zum Muttertag jeweils lange und ausführliche Briefe. Wie die meisten Kinder habe ich diese Briefe verziert und mit Herzen geschmückt. Antwort habe ich nie bekommen.

Ich war verletzt und enttäuscht. Dieses Gefühl habe ich über eine sehr lange Zeit mit mir herumgetragen und immer am Muttertag hat es sich vehement in mir breit gemacht und für miese Stimmung gesorgt.

Meine Mutter war wahrlich keine „Vorzeigemutter“. Ihre psychische Erkrankung machte ihr ständig zu schaffen und war so omnipräsent, dass für die Anliegen von Anderen, auch die der Liebsten, wenig Platz vorhanden war.

Am Muttertag wird die Mutter gefeiert und geehrt; Man bringt seine Dankbarkeit zum Ausdruck : für die tollste Mutter der Welt – Mami ist die Beste – Mama, ich liebe dich – Danke Mama, dass du immer für mich da bist.

Mutterliebe, für viele das höchste und reinste Gefühl der Welt. Die Liebe von und zu einer Mutter sollte eigentlich etwas Selbstverständliche sein, das ist es aber nicht.

Mutterliebe – für viele Menschen ist es schlicht ein Mythos. Etwas, das man wenig bis gar nicht erfahren hat.

Und wenn man, so wie ich, aus welchen Gründen auch immer, wenig Mutterliebe erfahren hat, bleibt ein grosses Stück Sehnsucht hängen; eine Sehnsucht, die sich nicht so einfach abschütteln oder stillen lässt. Die Farben meiner Kindheit dürften gerne etwas bunter sein.

Eines Tages habe ich mich entschieden, an den Zeitpunkt kann ich mich nicht mehr exakt erinnern, den Muttertag aus meinem Leben zu streichen. Muttertag gleich Arschlochtag. Dies war meine Art des Protestierens. Ein stiller Protest, der rückblickend nichts zum Guten verändert hat.

Auch die Liebe zu meiner Mutter, die immer da war, habe ich viele Jahre nicht mehr richtig zugelassen. Aus Schutz, aus Trotz. Weil sich Geben und Nehmen nicht die Waage hielten.

Die negativen Gefühle haben sich nach und nach über die guten Gefühle drüber gestülpt. Aktion, Reaktion.

Ob ich mir deswegen Vorwürfe mache? Nein, denn zum damaligen Zeitpunkt war dieses Verhalten richtig, auch wenn es für die Beziehung zu meiner Mutter sicherlich nicht von Vorteil war.

Heute bin ich dankbar, dass sich meine Sicht im Laufe der Zeit verändert hat. Meine Mutter wurde älter. Ich auch und damit auch ein bisschen weiser. Wenn die Eltern alt und gebrechlich werden und nicht mehr in der Lage sind, ihr Leben selbständig zu meistern, kommt der Zeitpunkt, wo du weisst, dass der „Abschied für immer“ näher und näher rückt. Unabhängig in welcher Beziehung man zu seinen Eltern steht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das für jemanden, auch wenn man sich von den Eltern abgewendet hat, einfach zu handhaben ist.

Trotzdem konnte ich dem Muttertag nicht viel Positives abgewinnen. Doch habe ich in den letzten fünf Jahren vor dem Tod meiner Mutter diesen Tag dafür genutzt, um meine diesbezüglichen Gefühle zu verarbeiten. Zwei Mal habe ich auf meinem Blog meiner Mutter einen Brief geschrieben, wohl wissend, dass sie meine Zeilen niemals lesen wird. Sie waren Balsam für meine Seele und haben mitunter dazu beigetragen, dass ich mich mit meiner Mutter und unserer Geschichte versöhnen konnte.

Auch diesen Muttertag habe ich viel an meine Mutter gedacht. Sie fehlt mir – sogar ihre verschrobene, oft schwierige und herausfordernde Art. Das Schöne heute ist, dass ich die Gefühle zulassen kann, die mich bewegen. Die Schutzmauer ist längst gefallen und was geblieben ist, sind die Erinnerungen an die guten und schönen Augenblicke, von denen es doch einige gab. Hinzugesellt hat sich auch ein „neues“ Gefühl, das ich fast vergessen hatte. Liebe. Es mag etwas kitschig klingen, aber es hat mir auch gezeigt, dass es dafür nie zu spät ist. Wenn die Eltern nicht mehr unter uns weilen, müssen schliesslich die Zurückgebliebenen ihren eigenen Weg finden. Ich war, bin und bleibe, auch mit meinen bereits verstorbenen Eltern, ein Kind psychisch kranker Eltern.

Ob wir unsere Mutter feiern oder nicht – wir alle haben eine. Auch wenn man diesen Tag nicht mit seiner Mutter zelebriert, bin ich mir ziemlich sicher, dass auch diejenigen, die wenig oder keinen Kontakt mit ihrer Mutter haben, zumindest daran denken. Denn, egal in welcher Beziehung wir zur eigenen Mutter stehen, waren wir doch schon vor der Geburt eng, sehr eng, miteinander verbunden. Ein Band, das durchschnitten werden musste. Man kann es in meinen Augen drehen und wenden, wie man will, aber diese Tatsache lässt sich nicht wegdiskutieren. Und in dieser Verbindung liegt vielleicht auch gerade der Knackpunkt für die vielen nicht-intakten-Mutter-Kind-Beziehungen.

Ich bin einfach nur froh und dankbar, dass es mir möglich war, mit meiner Mutter, noch vor ihrem Tod, Frieden zu schliessen. Mit ihr und mit unserer gemeinsamen Geschichte und das, ohne etwas zu beschönigen. Versöhnung lässt zu, die negativen Dinge zu akzeptieren und sie trotzdem nicht als schwer und belastend zu empfinden.

Ich habe, wie die Pfarrerin, welche die Beerdigungszeremonie begleitet hat, meiner Mutter über all die Jahre die Treue gehalten. Ich mag diesen Ausdruck und er ist für unsere Beziehung bezeichnend.

Es gibt erwachsene Kinder, die den Kontakt zu ihren Eltern oder zu einem Elternteil vollständig abbrechen. Das war für mich nie eine Option, obwohl ich den Schritt als solches durchaus nachvollziehen kann.

Trotzdem glaube ich, dass dieser Schritt langfristig nicht zum Seelenheil beiträgt. Dies gelingt erst, wenn man den Schmerz, manchmal auch die Konfrontation, zulässt. So ist es möglich, dem  inneren Kind die Hand zu reichen, damit es frei, sicher und gestärkt durchs Leben gehen kann.

Mami, ich liebe dich und werde dich immer lieben.

Bildquelle: http://www.pixabay.com

Verfasst von

Ich stehe mitten im Leben und schreibe darüber. Über das Leben mit all seinen Facetten. Mal bunt, mal düster, mal witzig, mal ernst. So, wie das Leben eben ist. Immer in Bewegung. Sowohl privat (Mutter von drei Kindern 9, 10 & 12 Jahre alt) als auch beruflich interessiere ich mich für Psychologie - ich bin diplomierte Einzel-, Paar- und Familienberaterin. Schreiben ist nicht einfach ein Hobby - es ist Leidenschaft.

Ein Kommentar zu „Muttertag – Ein Tag voller zwiespältiger Gefühle

  1. That’s why love is a 4 letter word
    I know these feelings you speak of too
    Had a mother in stilled upon me to be sick
    Physically and mentally so she would have someone to take care of since my father was always working,its crazy how life changes though,it truly does,my hurt is more acceptance,less anger,
    Sheldon

    Gefällt 1 Person

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